Es ist was faul im Staate Österreich

Zweifellos verstehe ich zu wenig davon, welche Debatten und (Macht)Kämpfe stattfinden und abgehen, wenn es um die Vergabe der Listenplätze innerhalb von Parteien in Österreich geht.

Was aber jedenfalls derzeit erschreckend offensichtlich wird, ist, dass das Thema Behindertenpolitik an innerparteilicher Bedeutung, Wirkung und Stärke verliert.

Und dabei geht es nicht darum, dass jemand weiter vorne gereiht wird, weil er oder sie behindert ist. Das ist nicht der Punkt. Sondern weil sie oder er eben kompetent ist und zudem gelebte Expertise verkörpert.

Wie sieht es mit einer Partei aus, die behauptet, Diversität zu leben und nicht bloß zu zerreden? Die in ihrem Parteiprogramm irgendwann einmal (und so lange ist das noch nicht her) festgehalten hat, dass es Ziel einer emanzipatorischen Politik für Menschen mit Behinderungen sei, eine gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben zu ermöglichen?

Wie sieht es andererseits mit einer Partei aus, die in ihrem Grundsatzprogramm irgendwann einmal behauptet hat (und auch hier ist es noch nicht so lange her), behinderte Menschen so fördern zu wollen, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen können?

Dass andere Parteien den Schritt zu Selbstvertretung, Selbstbestimmung und Emanzipation von Menschen mit Behinderungen (noch) nicht einmal gemacht haben und daher ebenso zu kritisieren sind, ändert nichts daran, dass die Ereignisse der letzten Zeit und vor der kommenden Wahl eines erschreckend deutlich zeigen:

Man redet gerne über Diversität, Vielfalt und Inklusion. Man redet dabei gerne über Selbstvertretung, Selbstbestimmung und Emanzipation von Menschen, die lange Zeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind. Aber die wenigsten leben dieses grundsätzliche gesellschaftliche Konzept (nämlich jenes der Inklusion) auch tatsächlich.

Wäre unsere Gesellschaft tatsächlich bereits inklusiv, mich würde das alles nicht ganz so arg aufregen, sondern lediglich nachdenklich stimmen.

Aber wir sind gerade erst einmal am Weg in Richtung Inklusion. Wir holen kurzfristig Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte, lassen sie ein bisserl teilhaben und schicken sie dann an den Rand zurück. Wir vermeinen zu wissen, was ‚die anderen’ wollen, brauchen, können und vor allem dürfen. Wir denken wenig darüber nach, dass Inklusion die Akzeptanz von Vielfalt bedeutet und dass Inklusion etwas ist, was gelebt werden muss und will.

Unser Verhalten aber – das sich jetzt deutlich in den Listenplätzen einiger Parteien und in der grundsätzlichen Ignoranz anderer Parteien ausdrückt – ist nicht Akzeptanz und Leben von Vielfalt, sondern das ist das Weiterleben alt hergebrachter, ausgrenzender und ignorierender Machtverhältnisse.

Ignoriert wird dabei die Bedeutung von Erfahrung, gelebter Expertise und Kompetenz in einem Bereich wie Behindertenpolitik – einem Politikfeld, das alles andere als politisch nebensächlich und randlich zu behandeln ist.

Behindertenpolitik bezieht sich nicht nur bereits seit jeher auf viele Menschen in unterschiedlicher Art und Weise, sondern Behindertenpolitik wird zunehmend wichtiger werden – weil Alters- und Behindertenpolitik zunehmend verschmelzen werden.

Aber abgesehen von dieser Bedeutung als wichtigem Politikfeld mit einer zunehmenden Anzahl von Menschen, die durch dieses Politikfeld umfasst werden, bleibt eben heute und jetzt bereits die Frage, die es zu beantworten gilt:

In welcher Welt wollen wir leben, in welcher Gesellschaft? Und treten wir für das, was wir behaupten, auch tatsächlich ein?

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