Meine Festrede (Laudatio) für Volker Schönwiese

Diese Rede habe ich gestern (am 18.10.2013) in Innsbruck gehalten. Und zwar bei der Feier für Volker Schönwiese:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Fangemeinde von Volker, lieber Volker!

Bevor ich zu reden beginne, muss ich etwas sagen: Ich rede gerne kompliziert, viel und schnell. Und deshalb werde ich heute den Text ablesen. Dann rede ich langsamer und verständlicher. Und das ist wichtig. Denn das ist heute eine wichtige Veranstaltung – eine Ehrung.

Ich wünsche Ihnen und Euch allen also einen angenehmen Abend!

Wir treffen uns heute hier, um Univ. Prof. Dr. Volker Schönwiese zu feiern. Ich freue mich sehr, dass ich jetzt eine Rede auf Volker Schönwiese halten darf!

Ich werde sagen, warum ich finde, dass er ein sehr wichtiger Mensch, Aktivist und Forscher ist! Und ich bin sicher, Sie werden alle zustimmen.

Vor ein paar Monaten hat man mich gefragt, ob ich diese Rede halten möchte. Ich habe sofort ja gesagt. Und dann habe ich über ganz viele Dinge nachgedacht: Zum Beispiel: Was sagt man in wenigen Minuten über jemanden, der so wichtig ist? Über jemanden, der so viel erlebt und so viel gemacht hat? Der bisher bereits so viele Spuren hinterlassen hat. Was lasse ich weg und was sage ich?

Daher muss ich gleich am Beginn sagen: Was ich jetzt erzählen werde, sind nur Teile aus Volker Schönwieses Leben. Aber Teile, die ich wichtig finde. Und Sie alle werden sicher dann später beim Buffet plaudern. Und Ihnen wird viel mehr einfallen, was wichtig ist, wenn man an Volker Schönwiese denkt. Ich möchte dazu einen Anstoß geben.

Ein Mann, der vor vielen hundert Jahren in Frankreich gelebt hat, hieß Michel de Montaigne. Er hat etwas Wichtiges gesagt. Er hat gesagt: Es reicht nicht, Erfahrungen zu machen, man muss sie auch wägen, ordnen und verarbeiten und aus ihnen die richtigen Schlüsse ziehen. Das bedeutet: Etwas zu erleben ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, über das, was man erlebt, nachzudenken: Zum Beispiel: Warum behandeln mich andere Menschen schlecht? Warum behandeln mich andere Menschen gut? Was hat das mit meiner Behinderung zu tun? Und was muss sich alles ändern?

Und wenn ich jetzt an Volker Schönwiese denke, dann wird mir schnell klar: Volker denkt immer über seine Erfahrungen nach! Er überlegt dann, was man tun kann und tun muss. Das ist doppelt wichtig: ForscherInnen müssen viel nachdenken. Aber wir alle eben auch. Wir sollen darüber nachdenken, warum andere Menschen nett oder böse zu uns sind. Warum uns andere Menschen gut oder schlecht behandeln. Warum andere Menschen Vorurteile oder gar Angst vor Menschen mit Behinderungen haben. usw.

Volker tut das sein ganzes Leben lang! Er ist ein Aktivist und Forscher, der viel nachdenkt und viel tut. Und er ist ein Mensch, der laut sagt, was alles nicht passt. Und das ist so wichtig!

Wie habe ich nun Volker Schönwiese kennen gelernt? Wir haben uns vor einigen Jahren kennen gelernt. Bücher und Texte von ihm gelesen habe ich davor schon sehr viele. Aber ich habe ihn nicht persönlich gekannt. Wir haben uns bei der Gruppe „DiStA“ kennen gelernt. Das bedeutet: Disability Studies Austria. Disability Studies heißen auf Deutsch Behinderungsforschung. Bei den Disability Studies forschen Menschen mit Behinderungen selber. Und sie fragen sich zum Beispiel: Warum werden Menschen mit Behinderungen aus der Gesellschaft ausgeschlossen? Und was kann und muss man dagegen tun?

Und alles, was die Disability Studies meinen, das tut Volker! Er denkt darüber nach, wie es Menschen mit Behinderungen in Österreich und der Welt besser gehen kann. Und was getan werden muss. Das bedeutet: Volker denkt über sein Leben nach und er denkt über Gesellschaft und Politik nach – also, wie wir alle in Österreich zusammenleben.

Was hat Volker so alles bisher erlebt? Ich will ein wenig davon berichten:

Vor vielen Jahren – im Jahr 1968 hat er mit seinem Studium in Innsbruck begonnen. Und zwar hat er damals das Studium der Psychologie begonnen. Da geht es um das, was wir als Menschen erleben und wie wir uns dann verhalten, was wir tun.

Nicht viel später schon hat er angefangen, aktivistisch tätig zu werden. Das heißt, er hat eine Gruppe mitbegründet. Diese Gruppe hat über viel nachgedacht, zum Beispiel darüber, wie es Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft geht. Und was man als Mensch mit Behinderungen dagegen machen kann.

Im Jahr 1980 hat er dann sein Studium fertig gemacht.

Nicht viel später hat er eine Arbeit an der Universität Innsbruck bekommen. Am Institut für Erziehungswissenschaften.

Im Jahr 1993 hat er eine lange Arbeit geschrieben und abgegeben. Diese Arbeit nennt man Habilitation. Man schreibt sie, damit man ProfessorIn wird. Er hat diese Arbeit zu einem sehr wichtigen Thema geschrieben: Man darf niemanden aus dem Unterricht ausschließen. Man muss alle unterstützen, damit alle lernen können.

Dann wurde er Universitätsdozent und dann Universitätsprofessor.

Und noch etwas Wichtiges hat er gemacht: Er hat bidok gegründet. bidok kennen hier in Innsbruck wahrscheinlich alle. Das ist eine Sammlung von Texten zum Thema Behinderung. Diese Texte kann man alle im Internet lesen. Und das ist wichtig. Denn so können alle etwas lernen.

Und dann hat Volker im Jahr 2009 eben die Gruppe DiStA (Disability Studies Austria/Behinderungsforschung in Österreich) mitbegründet.

Da könnte man jetzt noch sehr viel zu Volker Schönwiese sagen. Was er bisher alles getan und gedacht hat. Und eines wird einem schnell dabei klar: Volker Schönwiese hat sich nie davon abhalten lassen, nachzudenken und zu handeln! Und niemand hat ihn davon abhalten können!

Und das hat dazu geführt, dass Volker Schönwiese tatsächlich unersetzlich wurde. Ohne ihn würde es auf den Universitäten in Österreich nicht so rosig aussehen, was das Thema Behinderung angeht. Ohne ihn würde über viele wichtige Themen rund um Behinderung immer noch nicht geredet werden.

Ich gebe dazu ein paar Beispiele:

Dass Volker in Innsbruck und Tirol viel macht, das wissen alle.

Aber er macht auch woanders viel.

Zum Beispiel in Genf. Genf ist eine Stadt in der Schweiz und da gibt es die so genannten Vereinten Nationen (United Nations). Das ist eine Gruppe von sehr vielen (193) Ländern der Welt. Diese Länder gemeinsam beschließen Texte, so genannte Verträge. Wie zum Beispiel die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Und vor ein paar Wochen war Volker in Genf bei den Vereinten Nationen. Dort war er ein sehr wichtiger Teil der Gruppe von Menschen aus Österreich. Volker hat dort gesagt, was die Selbstbestimmt Leben Bewegung von Österreich erwartet. Was sich in Österreich ändern muss, damit die UN Konvention endlich ernst genommen wird.

Aber Volker ist auch in der Hauptstadt Wien aktiv. Österreich hat sich einen Text überlegt, der Nationaler Aktionsplan Behinderung heißt. Dieser Text sagt, was man tun muss, damit die UN Konvention eben ernst genommen wird. Aber der Text alleine reicht nicht. Es muss etwas passieren, es muss gehandelt werden. Und dafür ist Volker auch aktiv. Er sagt den Leuten in Wien, was sie tun müssen.

Volker ist also sehr wichtig für Österreich. Aber er ist auch wichtig für Europa.

Er ist ein Teil eines großen europäischen Netzwerkes (in Schwerer Sprache: ANED). In diesem Netzwerk sind viele Leute aus vielen Ländern Europas dabei und arbeiten zusammen. Und alle denken über das Thema Behinderung nach. Wie schaut es mit dem Leben von Menschen mit Behinderungen in den einzelnen Ländern aus? Wie schaut es in Österreich aus? Was muss sich ändern? Was fehlt? usw.

Warum ist Volker außerdem noch so wichtig?

Vor vielen Jahren waren Menschen mit Behinderungen überhaupt kein Teil der Gesellschaft. Damals ist Volker für Integration eingetreten. Das heißt: Man darf Menschen mit Behinderungen nicht wegsperren. Man muss Menschen mit Behinderungen teilhaben lassen. Viele Jahre später – also heute – tritt Volker Schönwiese wie viele andere Menschen für Inklusion ein. In der Zwischenzeit haben nämlich viele Menschen wie auch Volker erkannt: Integration ist zwar gut, aber nicht gut genug. Und Integration bedeutet, dass man sich ändern muss. Aber Inklusion bedeutet etwas anderes: Man bleibt so, wie man ist! Man muss sich nicht ändern. Nicht die Menschen mit Behinderungen müssen sich ändern. Sondern die Gesellschaft muss sich ändern!

Das nennt man das soziale Modell von Behinderung. Und das ist für Volker sehr wichtig.

Und das sagt auch die UN Konvention: Die Gesellschaft – also alle Menschen zusammen – müssen daran arbeiten. Wir alle leben gleichberechtigt auf der Welt. Wir alle haben Rechte und Menschenrechte. Und die müssen eingehalten werden. Und niemand darf sie einem anderen Menschen wegnehmen.

Aber das ist nicht so einfach. Und deshalb arbeitet Volker da ganz viel dafür. Damit in Österreich Menschen mit Behinderungen ernst genommen werden und ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind.

Wir erkennen deutlich, wie wichtig Volker ist. Er denkt über wichtige Dinge nach. Und er sagt laut, was er sich denkt. Und wenn man sich Volker Schönwieses Leben bisher anschaut, merkt man:

Bei allen wichtigen Veränderungen war er dabei, was das Thema Behinderung angeht!

Und weil Volker so wichtig ist, hat er schon viele Preise gewonnen. Über zwei wichtige Preise will ich kurz reden:

Vor ein paar Jahren (im Jahr 2008) hat er in Deutschland einen Preis gewonnen. Weil er so ein wichtiger Forscher ist (in Schwerer Sprache: Wissenschaftspreis des IMEW (Institut Mensch, Ethik, Wissenschaft in Berlin)).

Und letztes Jahr (im Jahr 2012) hat er in Wien einen Preis gewonnen. Weil er für die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen eintritt (Elisabeth-Wundsam-Hartig-Preis). Also weil er so ein wichtiger Aktivist ist.

Volker Schönwiese macht sehr viele Dinge, die neu sind. Dinge, die vor ihm noch niemand gemacht hat. Und das finde ich persönlich toll und sehr wichtig! Man muss sich das erst einmal alles trauen! Laut sagen, was falsch läuft und das auch schreiben und öffentlich machen. Nachdenken über Dinge, die nicht üblich sind. Denken Sie bitte alle an das Projekt ‚Das Bildnis eines behinderten Mannes’. Das war etwas ganz Neues.

Volker steht zu dem, was ihm wichtig ist. Das ist sehr beeindruckend! Und extrem wichtig!

Lieber Volker, du bist ein großes Vorbild mit allem, was du bisher getan hast!

Ich habe am Anfang meiner Rede gesagt, dass ich über ganz viele Dinge nachgedacht habe, als ich gefragt wurde, diese Rede zu halten.

Jetzt muss ich eines ehrlich sein: Ich habe mich auch etwas anderes gefragt: Wie rede ich über jemanden wie Volker, der so wichtig ist und den ich so verehre? Und wie schaffe ich es dabei, dass nicht alle zu weinen anfangen, weil du jetzt nicht mehr an der Universität arbeiten wirst, lieber Volker? Und das meine ich ernst.

Univ. Prof. Dr. Volker Schönwiese wird zwar nicht mehr an der Universität arbeiten. Weil er in die wohlverdiente Pension geht. Und das hinterlässt ein riesiges Loch. Er wird sehr fehlen!

Aber:

Ich bin mir sicher, dass du, lieber Volker, weiter kämpfen wirst und dich weiter für die Sache einsetzen wirst!

Du gehst der Universität verloren, aber nicht uns Menschen und nicht der Sache!

Ich bin dankbar dafür,  dass ich dich kenne. Ich bin dankbar dafür, dass ich von dir lernen darf. Und es war mir eine große Ehre, jetzt über dich reden zu dürfen!

Ich hoffe, ich habe eines geschafft: Ich wollte ein Bild von dir malen, dass dich so zeigt wie du bist: Du bist ein aktiver und lebhafter Mensch! Nichts anderes hast du verdient, als dass ich das aufzeige!

Aus dir sprudelt es immer nur so heraus. Du brauchst kein Blatt – so wie ich heute –  vor dir, und kannst trotzdem stundenlang über etwas reden.

Du kannst dich herzhaft über etwas ärgern, was dir nicht passt. Aber dir fallen Wege ein, die dann das Problem lösen helfen.

Und zugleich bist du immer einer, der mit allen Menschen redet. Du bist ein Mensch, der nicht ausgrenzt. Und das ist so enorm wichtig.

Du überzeugst andere Menschen. Weil du viel weißt, viel kannst und hartnäckig bist. Du gibst nicht auf!

Und ich bin mir sicher: Das wird auch nach der Pensionierung so bleiben!

Dein Leben hat bisher bereits so viele Spuren hinterlassen. Und ich bin sicher, du wirst auch im beruflichen Ruhestand weiterhin viele Spuren hinterlassen!

Ich wünsche dir also alles Gute für den wohl verdienten beruflichen Ruhestand!

Und ich wünsche der Sache und uns allen, dass du so aktiv bleibst, wie du das bisher warst!

Vielen Dank und alles Gute!

 

 

 

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