Diplomats and Wheelchairs/DiplomatInnen und Rollstühle

Gestern bin ich aus den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zurückgekommen. Ich war dort in der Stadt Boston auf einer sehr großen Tagung. Dort haben sich sehr viele Menschen aus der ganzen Welt getroffen. Diese Menschen haben dort über das Leben nachgedacht. Und sie haben über Krankheit und Gesundheit nachgedacht. Und auf dieser Tagung ist es auch um Behinderung gegangen.

Das war der Grund, warum ich dort dabei war.

Ich wollte wissen: Was denken andere Menschen über Behinderung? Wie behandeln sie Menschen mit Behinderungen? Wie geht es Menschen mit Behinderungen anderswo auf der Welt?

Nach dem langen Flug in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) muss man den Pass herzeigen. Da gibt es in einem sehr großen Raum viele Schalter, wo man sich anstellen muss. Je nachdem, ob man Staatsbürger der USA ist oder nicht, sind das verschiedene Warteschlangen. Und dann gibt es noch einen anderen Schalter. Der heißt in Boston ‚Diplomats and Wheelchairs’ – auf Deutsch ‚DiplomatInnen und Rollstühle’.

Das hat mich dann doch erschreckt. Denn in den USA wird schon lange über die Gleichbehandlung (Anti-Diskriminierung) von Menschen mit Behinderungen nachgedacht. Dort gibt es seit dem Jahr 1990 den so genannten Americans with Disabilities Act (auch kurz ADA genannt). Das ist ein sehr wichtiges Gesetz für die Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen. Das Gesetz sagt: Niemand darf wegen einer Behinderung schlechter behandelt werden.

Aber was steht da auf dem Schalter? ‚Diplomats and Wheelchairs’ – auf Deutsch ‚DiplomatInnen und Rollstühle’. DiplomatInnen sind Menschen, die ihr Land vertreten. Diese Menschen sagen, was ihr Land denkt und tut. Und deshalb müssen sie geschützt werden. Damit ihnen niemand etwas tut. Und deshalb haben sie am Flughafen auch eine eigene kurze Warteschlange. Aber Rollstühle sind keine Menschen. Das sind Gegenstände. Rollstühle werden von Menschen benützt. Manche Menschen brauchen eben einfach die Unterstützung von Rollstühlen.

Der Name des Schalters hat mich erschreckt, weil er Menschen und Gegenstände zusammenwirft. Der Schalter ist gut gemeint. Auch Menschen im Rollstuhl sollen nicht warten müssen. Sie dürfen schnell ihren Pass herzeigen. Aber muss man das so nennen? In einem Land, in dem eben die Gleichbehandlung von Menschen mit und ohne Behinderungen so wichtig ist? Ich finde, man muss das anders nennen.

Dann war ich neugierig, wie die Stadt Boston so ist. Und wie die Tagung so ist. Wie ist es hier mit der Gleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen?

Die Stadt Boston ist eine zum Teil recht alte Stadt. Aber auch in den neuen Stadtteilen sind zum Beispiel die Gehsteige recht uneben. Da stolpert man leicht und im Rollstuhl ist das sicher auch nicht lustig. Aber alle Gehsteige, die ich zumindest gesehen habe, waren an den Kreuzungen schräg. Damit man mit dem Rollstuhl besser die Straße überqueren kann. Die U-Bahn – sie fährt zum Teil wie eine Straßenbahn in Wien oben auf der Straße – ist auch ziemlich alt. Aber sie ist zum großen Teil ohne Hindernisse. Das ist gut. Das bedeutet. Man kann ein- und aussteigen, auch wenn man einen Rollstuhl hat. Zum Beispiel mit der Hilfe von Rampen (statt Stufen). Leider nicht an allen wichtigen Umsteigepunkten. Zumindest habe ich das nicht überall gefunden.

Aber was mir aufgefallen ist: Für blinde Menschen gibt es nicht so viel Unterstützung. Es gibt nicht so wie in Wien Streifen im Boden, die zum Beispiel eine Kreuzung anzeigen (taktiles Leitsystem). In den U-Bahnen wird zwar auch die Station durchgesagt. Aber auch da fehlen dann die Streifen im Boden. Da ist man in dem Wirrwarr an Gängen dann doch recht alleine gelassen.

Und wie war das auf der Tagung? Auf der Tagung waren etliche Menschen mit Behinderungen, auch einige davon im Rollstuhl. Bei den Vorträgen (zumindest in der Gruppe, die über Behinderung nachdenkt) gibt es bei jedem Foto oder Bild eine Erklärung. Da sagt jemand, was man darauf sehen kann. Aber in Einfacher Sprache hat da niemand geredet. Und es gibt auch keine Zeichenprotokolle (wie bei den Öffentlichen Sitzungen des Monitoringausschusses bei uns in Österreich). Was mir noch aufgefallen ist: Bei der Eröffnung – also am Beginn der Tagung – gab es GebärdensprachübersetzerInnen. In der Gruppe, die über Behinderung nachdenkt, habe ich niemanden gesehen, der oder die gehörlos war. Daher gab es dort auch keine GebärdensprachübersetzerInnen.

Das heißt also für mich: In der Stadt Boston und auf der Tagung gibt es auch – und immer noch- Hindernisse. Wie bei uns in Österreich.

Aber trotzdem sind wir hier in Österreich den USA eine wichtige Sache voraus:

Wir haben die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen schon vor 5 Jahren rechtlich gültig gemacht. Das bedeutet: Alle Hindernisse müssen beseitigt werden. Alle Menschen müssen gleich behandelt werden. Alle Menschen müssen überall teilnehmen können.

In den USA redet man gerade über ein rechtliches Gültigmachen (Ratifikation) der UN Konvention. Auch wenn die USA so wichtige Gesetze wie den ADA haben: Dort ist auch noch lange nicht alles so, wie es die UN Konvention verlangt.

Die UN-Konvention sagt: Alle Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderungen – müssen überall teilhaben können. Es darf keine Hindernisse geben. Jeder Mensch kann das eigene Leben leben. Niemand muss sich an andere anpassen.

Und da gibt es auch in Österreich noch viel zu tun. Die UN Konvention muss umgesetzt werden und alle müssen danach handeln!

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