Lasst Euch gefälligst helfen!

Vor ein paar Tagen (am Mittwoch) habe ich einen Text geschrieben. Zu Licht ins Dunkel. Und ich habe wie viele Menschen mit Behinderungen geschrieben: Licht ins Dunkel ist nicht gut für Menschen mit Behinderungen. Denn Licht ins Dunkel zeigt Menschen mit Behinderungen, die von ihrer Behinderung geheilt werden sollen.

Licht ins Dunkel sammelt Geld für Menschen mit Behinderungen. Helfen ist an sich gut.  Aber es kommt darauf an, wie man helfen will.

Die Aktion Mensch in Deutschland hat das vor Jahren erkannt. Die Aktion Mensch versteht, was Inklusion bedeutet. Und die Aktion Mensch will, dass Menschen spenden und dabei über die Gesellschaft – über uns alle – nachdenken.

Auch die Aktion Mensch hat einen kurzen TV Film mit Kindern. Da spielen Kinder Ball und der Junge im Rollstuhl will den Ball nicht hergeben. Dann wird gefragt: Darf man Jungs doof finden, auch wenn sie im Rollstuhl sitzen? Ja, darf man. Denn Inklusion bedeutet gemeinsam spielen und leben. Und Inklusion bedeutet, dass man den anderen so nimmt, wie er oder sie ist: Nicht als Jungen im Rollstuhl. Sondern als Junge, der den Ball nicht hergeben will.

Bei Licht ins Dunkel geht es um einen Jungen im Rollstuhl. Er soll geheilt werden. Bei der Aktion Mensch geht es auch um einen Jungen im Rollstuhl.  Er soll den Ball hergeben. Es geht da nicht um den Rollstuhl. Es geht um das Ballspiel.

Es geht um ein Nachdenken über uns alle. Ein Nachdenken über unser Zusammenleben. Nicht über ‚arme Menschen mit Behinderungen’, die geheilt werden sollen. Denn Behinderung ist keine Krankheit.

Inklusion heißt das Zauberwort. Verantwortung übernehmen für unser Zusammenleben – darum geht es. Spenden für eine Welt ohne Hindernisse (Barrieren) – darum geht es.

Jemand hat auf meinen Text vom Mittwoch geantwortet: „Behinderten Menschen Genesung zu wünschen, kann doch nicht diskriminierend sein.“ Also: Warum soll man einem Menschen mit Behinderungen nicht baldige Besserung wünschen? Warum soll das eine schlechte Behandlung sein?

Aber genau das ist das Problem. Behinderung ist eben keine Krankheit.

Wenn ich be-hindert werde, liegt das nicht an mir. Sondern es liegt an der Gesellschaft. Weil es eben Hindernisse (Barrieren) gibt – zum Beispiel so genannte Hindernisse im Kopf. Das nennt man soziale Barrieren. Das sind zum Beispiel Vorurteile und falsche Vorstellungen über Behinderung.

Menschen mit Behinderungen können genau wie alle anderen Menschen krank sein. Dann wollen sie es wie jeder andere Mensch auch, dass man ihnen alles Gute und baldige Besserung wünscht.

Aber gespendet werden soll aus einem anderen Grund: Weil wir gemeinsam eine Welt ohne Hindernisse (Barrieren) schaffen wollen und sollen (das sagt zum Beispiel die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen). Weil wir alle erkennen, dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist.

Viele Menschen mit Behinderungen haben in den letzten Tagen und jedes Jahr wieder über Licht ins Dunkel geredet. Sie haben gesagt, was ihnen daran nicht passt. Und sie wollen bei Licht ins Dunkel mitmachen. Damit sich das Bild von Behinderung ändert. Damit nicht über Menschen mit Behinderungen ohne sie geredet wird. Passiert ist aber nicht viel. Und das alles klingt ein bisschen nach: Lasst Euch gefälligst helfen! Aber: Menschen mit Behinderungen wollen zeigen, was Behinderung ist. Sie wollen zeigen, wie die Gesellschaft behindert. Damit das Helfen dort ansetzt, wo es soll. Lasst uns endlich mitmachen! Das ist die Antwort. 

 

 

 

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