Über die Bedeutung von Sprache

Vor ein paar Tagen haben einige Menschen einen so genannten Offenen Brief geschrieben. Ein Offener Brief ist an bestimmte Menschen gerichtet. In diesem Fall ist der Brief an die Bildungs- und Frauenministerin und an den Wissenschaftsminister in Österreich gerichtet. Ein Offener Brief wird nicht (nur) in einem Kuvert mit der Post gebracht. So ein Offener Brief wird öffentlich gemacht. Alle können und sollen ihn lesen. Man will damit eine so genannte Stellungnahme erreichen. Das bedeutet: Man will, dass die Menschen in der Politik öffentlich etwas zu einem bestimmten Thema sagen.

Das Thema des Briefs lautet ‚Sprachliche Gleichbehandlung’. Es geht in diesem Offenen Brief um so genannte geschlechtersensible Sprache. Das bedeutet: Früher hat man alles in der männlichen Form gesagt. Ein Beispiel: Maturanten. Das sind junge Männer, die mit der Schule fertig sind. Sie dürfen dann an der Universität studieren. Eine Universität ist eine Schule für erwachsene Menschen. Lange Zeit durften junge Frauen keine Matura machen. Und sie durften dann auch nicht an der Universität studieren. Heute sagt man: MaturantInnen. Weil junge Frauen heute Matura machen dürfen und dann auch studieren können. Es hat sich also etwas geändert: Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Sprache. Geschlechtersensible Sprache ist eine Sprache, die das erkennt: Es hat sich etwas verändert in unserer Gesellschaft. Wir leben heute anders zusammen als früher. Daher schreibt man das Wort Maturanten in einer anderen Form als früher: Man schreibt MaturantInnen. Das betrifft Frauen und Männer. Das große ‚I’ im Wort MaturantInnen nennt man Binnen-I. Es ist ein großes I mitten in einem Wort – binnen, das bedeutet mittendrin. Dieses große I zeigt an: Das Wort gilt auch für Mädchen und Frauen.

Die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, schreiben: „Sprache dient nämlich sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form einzig und allein der problemlosen Verständigung und nicht der Durchsetzung partikulärer Interessen.“ Das bedeutet: Sprache ist eines, unser Zusammenleben in der Gesellschaft ein anderes. Diese Menschen meinen: Sprache und Gesellschaft haben nichts miteinander zu tun. Sie meinen: Sprache – also, wie wir miteinander reden – ist nur ein Verständigungsmittel. Sie meinen außerdem: Man muss das, was bestimmte Menschen wollen (das sind die Interessen – wofür also jemand eintritt), aus der Sprache hinaus halten. Sie meinen: Das hat nichts mit Sprache zu tun. Wenn das stimmt, was diese Menschen sagen, ist es egal, wie man Menschen mit Behinderungen nennt. Dann kann man Menschen mit Behinderungen auch Invalide nennen, oder Behinderte, oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen, oder Krüppel. Ist ja egal, weil wir ja alle wissen, wer gemeint ist. Das nennt man dann problemlose Verständigung. Jeder Mensch weiß gleich, was gemeint ist. Aber was bedeutet das für das Leben von Menschen mit Behinderungen? Macht es einen Unterschied, ob jemand als Krüppel bezeichnet wird oder als Mensch mit Behinderungen? Ja, es macht einen Unterschied! Und diesen Unterschied haben österreichische Gesetze (das sind die Regeln, nach denen wir zusammenleben) bereits vor vielen Jahren erkannt. Nur die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, haben darüber offensichtlich nicht genug nachgedacht.

Vor vielen Jahren gab es zwei so genannte Wenden: Die so genannte Linguistische Wende und die so genannte Argumentative Wende. Das bedeutet: Es gab Menschen, die über die Frage nachgedacht haben: Ist Sprache wirklich nur ein Verständigungsmittel? Und diese Menschen haben herausgefunden: Sprache ist mehr als nur Verständigung! Sprache ist mehr als nur miteinander reden. Weil wir beim Miteinander-Reden so genannte Realitäten schaffen. Das bedeutet: Wenn ich über dich sage, dass du ein Krüppel bist, habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung vor dir. Ich denke, du bist nicht normal, du bist nicht ganz, du bist krumm und nicht gerade. Wenn ich über dich sage, du bist ein Mensch mit Behinderungen, dann denke ich: Du hast zwar eine Funktionsbeeinträchtigung (irgendetwas funktioniert nicht ganz so an dir, wie es könnte oder sollte). Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Gesellschaft. Wie also alle anderen mit dir umgehen, das ist das Problem. Wie sie dich nennen, wie sie sich dir gegenüber verhalten. Wir sehen also an diesem kurzen Beispiel: Sprache ist weit mehr als bloß Verständigung und Miteinander-Reden. Sprache ist wie ein Spiegel der Gesellschaft: Wie wir uns gegenüber anderen verhalten, so nennen wir sie. Und das wiederum zementiert unser Verhalten ein. Das besagt die Linguistische Wende und die Argumentative Wende. Darüber haben sich schon so viele Menschen den Kopf zerbrochen, dass ich mich ärgere, wenn ich den Offenen Brief lese.

Der Offene Brief zum Thema ‚Sprachliche Gleichbehandlung’ ist in Schwerer Sprache geschrieben. Diesen Offenen Brief versteht man nicht einfach so. Ein Fremdwort nach dem anderen. Ein langer Satz nach dem anderen. Und dann lese ich den Offenen Brief und stolpere über folgendes: Da steht:

„Außerdem muss gewährleistet sein, dass durch die traditionsgemäße Anwendung verallgemeinernder Wortformen die Verständlichkeit von Texten wieder den Vorrang vor dem Transport feministischer Anliegen eingeräumt bekommt. Dies vor allem im Hinblick auf

· Kinder, die das sinnerfassende Lesen erlernen sollen,

· Menschen, die Deutsch als Fremdsprache erwerben und

· Menschen mit besonderen Bedürfnissen (z. B. Blinde, Gehörlose, Menschen mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten)“

Aha. Die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, finden: Unter anderem Menschen mit Behinderungen verstehen einen Text nicht, wenn ein Binnen-I darin vorkommt. Dazu ist zu sagen: Menschen mit besonderen Bedürfnissen gibt es nicht. Wenn, dann sind wir das alle: Jeder Mensch hat besondere Bedürfnisse. Wir sind alle verschieden. Das nennt man Vielfalt. Menschen mit Behinderungen wollen schon lange nicht mehr als Menschen mit besonderen Bedürfnissen bezeichnet werden. Aber genau in diesem Offenen Brief wird das getan. Ach, wie war das? Sprache ist bloß Verständigungsmittel? Ach, wissen wir also, über wen wir reden? Ja klar. Über die Menschen aus Licht ins Dunkel. Über die Menschen, die wir aus den Schulen ausschließen. Aus dem Arbeitsmarkt ausschließen. Aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben ausschließen. Weil diese Menschen besondere Bedürfnisse haben, auf die wir leider nicht eingehen wollen. Aber: Menschen mit Behinderungen haben keine besonderen Bedürfnisse, sie haben Rechte. Das steht nicht nur in österreichischen Gesetzen. Das steht auch in der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Und die gilt in Österreich seit 2008. Sprache ist also weit mehr als nur Verständigungsmittel.

Menschen mit Behinderungen wie sicher viele andere Menschen auch verstehen Texte mit Binnen-I sehr wohl. Aber diese Menschen verstehen oft Texte in Schwerer Sprache nicht. Wenn man in diesem Offenen Brief schon über Menschen mit Behinderungen schreibt, dann bitte in verständlicher Sprache. Die Verständlichkeit eines Textes liegt nicht am Binnen-I. Das bedeutet: Wenn der Satz zu lang ist, versteht man den Satz nicht leicht. Wenn zu viele Fremdworte darin stehen, versteht man den Satz nicht leicht. Die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, reden zwar über Menschen mit Behinderungen, aber: Wurden Menschen mit Behinderungen gefragt, ob sie das Binnen-I verstehen? Wurden Menschen mit Behinderungen gefragt, warum sie Texte in Schwerer Sprache nicht verstehen? Für die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, scheint Gleichbehandlung insgesamt wohl egal zu sein. Menschen mit Behinderungen werden als Argument missbraucht. Das bedeutet: Man schreibt, dass diese Menschen ein Problem mit dem Binnen-I haben. Aber man befragt sie nicht selber dazu. Man lässt sie nicht selber reden. Muss man ja auch nicht. Sprache ist ja nur ein Verständigungsmittel. Aber das stimmt eben nicht: Es wird damit das verletzt, was Menschen mit Behinderungen einfordern – nämlich, an der Gesellschaft teilzuhaben.

Die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben haben, wollen eine ‚Rückkehr zur sprachlichen Normalität’. Diese Menschen denken: Wir wissen, was sprachliche Normalität ist. Aber wissen sie das wirklich? Welche Normalität ist das? Wer bestimmt diese Normalität? Wenn ich den Offenen Brief lese, heißt das für mich: Sprachliche Normalität bedeutet Ausgrenzung. Im Fall des Offenen Briefs geht es dabei um Frauen und um die Frage: Müssen wir beim Sprechen und Schreiben an Frauen als Teil der Gesellschaft denken oder nicht? Ich bin erschüttert, wie man schreiben kann: Sprache dient alleine der problemlosen Verständigung. In welcher Welt und in welcher Zeit leben die Menschen, die den Offenen Brief geschrieben und unterschrieben haben? Sprache ist ein Spiegel der Gesellschaft. Das sollten wir nie vergessen. Und deshalb muss sich Sprache verändern. Und deshalb verändert sich Sprache.

 

 

 

 

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