Wer darf und wer soll über das Thema Behinderung reden?

Unlängst gab es eine Diskussion, also ein Gespräch, zum Thema Behinderung und Tanz und Kunst. Da ging es um ein Treffen und darum, wer daran teilnehmen soll. Jemand sagte: Darüber sollen nur Menschen reden, die wissen, wovon sie reden. Also nur Menschen mit Behinderungen. Die Person sagte außerdem: Viel zu oft reden Menschen über das Thema Behinderung, und haben keine Ahnung davon. Haben keine Ahnung davon, was es heißt, ausgeschlossen zu sein. Was es heißt, diskriminiert zu werden. Was es heißt, schlecht behandelt zu werden. Was es heißt. anders behandelt zu werden als andere Menschen.

Mich hat das geärgert. Ich selbst habe bisher keine Ausgrenzungserfahrung gemacht. Das ist mir klar und das weiß ich. Ich bin bloß Mutter einer behinderten Tochter, die zudem nicht lange gelebt hat. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch: Ich will meinen Beitrag leisten. Für eine inklusive Gesellschaft, für ein inklusives Zusammenleben. Und Inklusion bedeutet ja auch: Es geht alle an. Nicht nur zum Beispiel Menschen mit Behinderungen. Es geht uns alle an. Wenn wir nicht alle – egal wer wir sind und wie wir sind – gemeinsam die Welt verändern, wird Inklusion nie gelingen. Dann werden wir nie in einer Welt der Vielfalt leben. In einer Welt, in der alle Menschen gleichermaßen akzeptiert sind. Wir alle müssen daran arbeiten.

Heute lese ich von einem Treffen, bei dem es um die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen gehen wird. Bei dem Treffen geht es um Daten, die gesammelt werden sollen. Das bedeutet: Was wissen wir überhaupt über die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen? Wie ergeht es Menschen mit Behinderungen? Wissen wir überhaupt genug darüber? Was müssen wir wissen, damit die Welt gerechter und besser wird? Damit die Welt inklusiv wird.

Die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen besagt: Es gibt ein Recht auf Vielfalt. Menschen mit Behinderungen haben Rechte wie alle Menschen. Nur werden sie oft nicht eingehalten. Die UN Konvention sagt: Es muss sich etwas ändern auf der Welt. Und damit sich etwas ändern kann, brauchen wir eben Daten und Zahlen zu Menschen mit Behinderungen.

Aber wer nimmt nun an dem Treffen teil? Da lese ich von mir bekannten Leuten, die dort sein werden: Die einen wissen genau, was die UN Konvention sagt, die anderen wissen es aber nicht wirklich oder wollen es nicht wissen. Weil sie das soziale Modell von Behinderung nicht verstehen wollen.

Die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat ein paar Grundlagen. Eine Grundlage ist da soziale Modell von Behinderung: Nicht der Mensch ist behindert. Die Gesellschaft be-hindert den Menschen. Es gibt Hindernisse (Barrieren). Diese Hindernisse ver-hindern, dass wir alle gut zusammen leben können. Das besagt das soziale Modell. Aber an dem Treffen nehmen auch Leute teil, die finden: Das soziale Modell ist nicht gut (genug).

Was tun diese Leute (und die, die ich meine, wissen, wen ich meine) also bei dem Treffen? Das frage ich mich. Und es ärgert mich, dass diese Leute eingeladen werden. Warum? Sie tragen nicht den Geist der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Finde ich. Aber immerhin tragen sie eine Idee in sich: Sie wollen (hoffentlich!!) als Ziel auch eine inklusive Gesellschaft. Und am Ende ist es (fast) egal, wie wir diese Ziel erreichen. Es gibt viele Ideen, wie wir besser miteinander leben können. Am Ende geht es darum.

Der Weg dorthin ist aber – finde ich – nicht egal. Das haben die letzten gut 20 Jahre gezeigt, seit sich das soziale Modell verbreitet hat. Aber immerhin haben diese Leute irgendwann über das soziale Modell von Behinderung nachgedacht. Und ich hoffe, sie vergessen nicht ganz, was es bewirkt hat. Und es hat politisch viel bewirkt!

Also: Am Anfang meines Blogeintrags habe ich mich geärgert, weil ich ausgegrenzt wurde. Nun habe ich ausgegrenzt. Ich habe gesagt: Diese Leute kennen sich nicht aus. Sie wissen nicht genug vom sozialen Modell.

Ich glaube das immer noch. Aber ich weiß auch: Es geht um Allianzen. Das bedeutet: Wer arbeitet mit wem zusammen? Wer denkt ähnlich? Wer will genau das, was auch andere wollen? Wer will eine inklusive Gesellschaft erreichen? Ich denke: Auch diese Leute, über die ich gerade geschimpft habe.

Und darauf hoffe ich!

Ich habe jetzt auch andere Menschen ausgegrenzt. Und das ist absolut nicht gut. Ich will nicht ausgegrenzt werden. Dann muss ich auch darauf achten, dass ich niemanden ausgrenze.

Ich hoffe also, das Treffen ist erfolgreich – im Sinne der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen!

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