Alles hat ein Ende

Morgen und übermorgen (am 22. und 23. Jänner 2015) findet die letzte Veranstaltung der Forschungsplattform Life-Science-Governance (http://www.univie.ac.at/LSG/) statt.

Eine Forschungsplattform ist eine Gruppe von Menschen. Diese Menschen arbeiten und forschen an der Universität Wien. Und sie arbeiten zu einem bestimmten Thema – zu Leben und Wissenschaft. Und da geht es eigentlich immer um die Frage: Was macht uns als Menschen aus? Und wie leben wir in der Gesellschaft zusammen? Wie gehen wir miteinander um? Welche Erfahrungen und welches Wissen haben wir darüber? Die Forschungsplattform Life-Science-Governance hat sich mit vielen Themen beschäftigt. Und das über viele Jahre hinweg.

In diesen vielen Jahren sind immer neue Menschen zu dieser Gruppe dazu gekommen. Was aber geblieben ist: Irgendwie – zumindest lose – sind wir alle in Kontakt. Auch wenn wir nicht mehr alle in Wien sind. Einige von der Forschungsplattform sind im Ausland. Einige in anderen Städten. Aber wir haben zumindest manchmal Kontakt. Weil uns etwas verbindet: Die Mitarbeit in der Forschungsplattform. Und weil uns da jemand verbunden hat: Herbert Gottweis. Er ist letztes Jahr viel zu früh verstorben und er hat ein Loch hinterlassen. Er hat uns als StudentInnen betreut – bei den Diplomarbeiten und bei den Dissertationen (das sind schriftliche Arbeiten; man schreibt und denkt da viel zu einem bestimmten Thema). Er hat Forschungsprojekte (da hat man ein Thema und dann forscht man zirka drei Jahre zu diesem Thema) für die Forschungsplattform geleitet. Und er hat auf diese Weise eine Gruppe geschaffen. Eine Gruppe von Menschen, die viele Jahre gemeinsam über verschiedene Themen nachgedacht haben.

Herbert Gottweis hat mich bei meiner Dissertation betreut. Ich bin kurz nach meiner Diplomprüfung bei ihm gewesen. Ich habe ihm gesagt: Ich will zum Thema Behinderung arbeiten und dazu meine Dissertation schreiben. Ich habe ihm erzählt, warum ich das tun möchte. Ich glaube zwar, dass er nie wirklich wissen wollte, warum ich das so mache wie ich es mache. Aber: Er hat es zugelassen. Und er hat beim ersten Gespräch zur Dissertation gesagt: Schauen Sie sich die Disability Studies an, das ist ein neuer Forschungszweig. Damit hat er bei mir einen Grundstein gelegt. Wenn man so will, war er derjenige, der aus mir eine Disability Studies-Forscherin gemacht hat. Er hat wohl erkannt, dass ich das gerne machen werde. Weil es mir wichtig ist. Und ich glaube, das war eine seiner Gaben: Ideen haben. Und so hatte er bei mir die Idee: Sie will zu Behinderung arbeiten, sie sagt mir, warum ihr das wichtig ist – und die Disability Studies sind die Antwort darauf. Ich bin aber da nur ein Beispiel von vielen in der Forschungsplattform, bei denen das so ähnlich war.

Sehr oft war ich nicht seiner Meinung. Aber das muss ja auch nicht sein. Am Ende zählt: Jemand hat dich unterstützt, begleitet, gefördert. All das versuche ich heute bei ‚meinen‘ Studierenden: Soweit es möglich ist, eben unterstützen, begleiten, fördern. Weil Herbert Gottweis mir das so vorgelebt hat. Ich habe mich daran orientiert. Ich mache ziemlich viel anders als er, aber zugleich er hat mich eben beeinflusst.

Ich danke Herbert Gottweis als dem Begründer der Forschungsplattform. Er hat etwas geschaffen, was nicht viele können: Er hat eine Gruppe von Menschen zusammengebracht. Und diese Menschen haben zusammen gedacht, gearbeitet, gelacht und gestritten. Er hat damit eine Gemeinschaft geschaffen. Und die endet jetzt leider.

Und ich danke meinen KollegInnen von der Forschungsplattform. Heute hat mein Bürokollege begonnen, seine Bücher wegzubringen. Das ist alles sehr traurig. Es sagt mir: Da endet eine Zeitspanne meines Lebens. Die Zeit der Forschungsplattform. Und es endet eine Nähe zu KollegInnen, die man jahrelang jeden Tag getroffen hat. Das ist sehr schade. Aber das, was wir gedacht, geschrieben, gesagt haben, das bleibt.

Advertisements