Man muss ein Frosch sein. Nur dann kann man über Frösche reden.

Ich widerspreche Bruno Latour. Er ist ein französischer Wissenschaftler. Er denkt darüber nach: Wie leben wir Menschen in der Gesellschaft zusammen? Und welche Rolle spielt dabei Wissenschaft und Technik? Das heißt: Menschen denken über Dinge nach, sie erforschen sie. Das ist Wissenschaft. Und Menschen erfinden Maschinen und Geräte. Menschen machen diese Dinge. Das ist Technik.

Bruno Latour hat gesagt: Es ist unsinnig, wenn man glaubt, dass man ein Frosch sein muss, um über Frösche nachdenken zu können (vgl. Latour, Bruno (1991), The Impact of Science Studies on Political Philosophy. Science, Technology, & Human Values, Vol. 16 (1), 3-19). Er meint damit: Man muss nur zum Teil von einer Sache betroffen sein. Dann kann man schon über diese Sache mitreden und nachdenken. Er meint weiter: Man braucht Distanz (Entfernung) von einem Thema. Und man braucht Unabhängigkeit vom Thema.

Wie gesagt: Ich widerspreche Bruno Latour. Und ich möchte das kurz an einem aktuellen Beispiel zeigen: Der Diskussion, also das Reden über die so genannte eugenische Indikation. Das ist gerade sehr aktuell. Viele reden derzeit wieder darüber.

Was bedeutet diese eugenische Indikation? Eine Frau erwartet ein Kind. Ist das Kind nicht behindert, darf man es in Österreich innerhalb von drei Monaten abtreiben. Nun wird aber bei dem Kind eine Behinderung vermutet oder festgestellt. Dann darf man es bis zum Einsetzen des Geburtsvorgangs abtreiben.

Viele Menschen reden über das Thema. Aber viele von ihnen sind keine Frösche – um wieder zu Latour zurück zu kehren: Sie reden über etwas, was sie nie erlebt haben.

Ich habe es erlebt. In der 19. Schwangerschaftswoche wurde damals bei meiner älteren Tochter Agnes eine Trisomie vermutet. Später wurde diese Trisomie dann festgestellt. Dazwischen – zwischen der 19. Schwangerschaftswoche und dem Notkaiserschnitt meiner Tochter lagen die 20 schrecklichsten Wochen meines Lebens. Und warum? Nicht, weil mein Mann und ich nun wussten: Wir werden eine Tochter bekommen, die eine Behinderung hat. Nein! Weil wir massiv bedrängt (nett ausgedrückt) wurden, das Kind abzutreiben. Beratung über Behinderung gab es keine. Dafür sagte mit ein männlicher Pränataldiagnostiker (das sind die ÄrztInnen, die ungeborene Kinder untersuchen): Wissen Sie, wie anstrengend eine Schwangerschaft ist? Und zahlt sich das aus? Das hat mir ein Mann gesagt. Und ein Mensch. Der keine Ahnung von Schwangerschaftserfahrung am eigenen Leib hat. Und keine Ahnung von Menschlichkeit obendrein. Und keine Achtung vor der Entscheidung anderer. Mein Mann und ich haben uns aus unterschiedlichen Gründen für unsere Tochter entschieden. Aber wir haben es getan und wurden massiv unter Druck gesetzt. Sogar meine damalige Gynäkologin (das ist die Ärztin, die Frauen untersucht) wurde in einem Brief aufgefordert, uns umzustimmen. Weil wir so ‚widerspenstig’ waren.

Ich kenne alle diese Menschen, die da gehandelt haben, nicht näher persönlich und will es auch nicht. Was ich will und erwarte, ist Beratung. Und diese gibt es immer noch nicht ausreichend. Und es sind seit der Geburt unserer Tochter Agnes nun bereits fast 17 Jahre vergangen.

In welcher Welt leben wir? Wie gehen wir miteinander um? Warum behandeln wir Kinder mit Behinderungen auf diese Weise? Warum nehmen wir ihnen das Lebensrecht? Und warum ändert sich das Bild von Menschen mit Behinderungen viel zu langsam in der Gesellschaft? Fragen, auf die ich keine Antwort geben kann. Aber die mich dazu veranlassen, etwas zu tun. Ich unterrichte zum Thema Behinderung. Ich halte Vorträge zum Thema Behinderung. Ich bin Mitglied des Österreichischen Unabhängigen Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Warum? Ich will einen kleinen Beitrag leisten – dass wir alle besser miteinander leben. Und dass so etwas wie die eugenische Indikation endlich überdacht wird. Das heißt: Dass wir darüber nachdenken: Was ist denn so schlimm an einem Kind mit Behinderungen? Ist überhaupt etwas schlimm daran? Wo finde ich Beratung? Wo finde ich Unterstützung? All das gibt es an sich in Österreich. Es wird nur leider nicht dann angeboten, wenn es wichtig wäre. Im Spital, beim Arzt/bei der Ärztin, wenn diese/r sagt: Ihr Kind wird mit Behinderung auf die Welt kommen. Wollen Sie das wirklich?

Ich weiß, wovon ich rede. Ich rede nicht über etwas, wovon ich keine Ahnung habe. Viele Menschen da draußen wissen nicht, wie es abgeht, wenn einem gesagt wird: Ihr Kind wird mit einer Behinderung auf die Welt kommen. Und wenn man dieses Kind dann  bekommen will.

Und die Disability Studies (Forschung über Behinderung) haben absolut recht: Man muss ein Frosch sein, um über Frösche reden zu können! Viel mehr noch als in meinem Beispiel meiner Tochter: Als Mensch mit Behinderungen erlebt man jeden Tag, wie es einem damit in Österreich ergeht. Man weiß, woran es fehlt, was gut ist, was schlecht ist an der Politik für Menschen mit Behinderungen. Und das ist alles andere als unsinnig.

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