Studieren „dürfen“ – Frauen und Menschen mit Behinderungen an Universitäten

Das Jahr 2015 ist ein wichtiges Jahr für die Universität Wien. Da wird diese Universität 650 Jahre alt (siehe http://www.univie.ac.at/650/aktuelles-ueberblick/jubilaeums-news/). Und das wird ausgiebig gefeiert.

Eine Universität ist eine Schule für erwachsene Menschen. Dort lernen diese Menschen viel über ein bestimmtes Thema. Wann darf jemand an der Universität ein Studium beginnen? Wann darf jemand also dort etwas lernen „dürfen“?

Das darf man, wenn man maturiert hat. Die Matura ist eine schriftliche und mündliche Prüfung. Da muss man beweisen, dass man in der Schule viel gelernt hat und viel weiß.

Lange Zeit durften Frauen nicht maturieren. Heute ist das zum Glück anders.

Aber Menschen mit Behinderungen dürfen immer noch nicht alle maturieren. Denn in einer Sonderschule gibt es keine Matura. Und leider müssen immer noch sehr viele Menschen mit Behinderungen Sonderschulen besuchen. Weil es heißt: Menschen mit Behinderungen können nicht so gut denken wie andere Schülerinnen und Schüler.

Wenn man ein Mensch mit Behinderungen ist, ist also ein Studium immer noch nicht selbstverständlich. Und deshalb gibt es immer noch wenige Menschen mit Behinderungen an Universitäten.

Warum ist das so?

Weil unser Schul- und Bildungssystem immer noch kein inklusives System ist.

Inklusion bedeutet:

Alle Menschen in der Gesellschaft machen gemeinsam bei allem mit. Niemand wird ausgeschlossen. Egal, ob man zum Beispiel ein Mensch mit oder ohne Behinderungen ist. Und dass gilt ganz wesentlich auch für Schulen.

Meine jüngere Tochter besucht eine sehr alte Schule in Wien. Diese Schule wurde bereits vor einigen hundert Jahren gegründet. Das Ziel war: Junge Männer zum Denken zu erziehen und sie auszubilden. Damit sie später studieren. Frauen durften dort lange Zeit nicht in die Schule gehen. Und noch vor knapp mehr als 100 Jahren durften Frauen dort nicht in die Schule gehen – aber sie durften dort maturieren. Das nennt man Externistinnen. Diese Frauen durften also in der Schule meiner Tochter maturieren. Aber sie durften dort nicht in die Schule gehen. Nach der Matura dort bedeutete das damals aber für Frauen nicht, dass sie dann auch sofort studieren durften. Zwei berühmte und wichtige Exterinstinnen dieser Schule erwähne ich hier kurz: Elise Richter und Gabriele Possaner.

Gabrielle Possaner war später die erste Frau an der Universität Wien, die in Medizin promovierte. Das bedeutet: Sie „durfte“ Medizin studieren und durfte dann später auch als Ärztin arbeiten. Sie konnte zeigen: Ich habe viel gelernt, ich bin eine gute Ärztin.

Elise Richter war später die erste Frau mit einer Habilitation an der Universität Wien. Eine Habilitation ist eine schriftliche Arbeit. Mit diesem Text zeigt jemand: Ich kann besonders gut über ein Thema nachdenken. Ich habe etwas Wichtiges zu diesem Thema zu sagen.

Diese beiden Frauen zeigen es deutlich: Das Schulsystem damals (am Ende des 19. Jahrhunderts) war alles andere als inklusiv. Frauen, die extern maturierten, durften nicht automatisch studieren. Die Schulbildung damals ging von der Idee aus: Frauen sind weniger klug als Männer. Frauen haben nichts in Schulen zu suchen, wo Männer zu denkenden Menschen ausgebildet werden. Frauen können daher nicht studieren. Und sie durften es auch nicht.

Aber immerhin gab es einige Schulen – wie die Schule meiner jüngeren Tochter – wo Frauen wenigstens extern maturieren durften. Das war ein harter Weg dorthin. Und danach war es auch nicht einfach für diese Frauen. Aber sie konnten beweisen: Wir sind klug, wir denken nach. Schließt uns nicht aus dem Schul- und Bildungssystem aus. Wir gehören dort hin wie Männer auch.

Und heute, mehr als 100 Jahre später werden aber immer noch Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen – aus den Schulen und aus den Universitäten. Weil sie eine Bildung bekommen, die nicht ausreicht, um zu studieren. Und warum? Weil man Menschen mit Behinderungen immer noch nicht zutraut, dass sie genug denken können für eine Universität und für ein Studium.

Es ist schön, dass die Universität Wien 2015 so alt wird.

Aber wir sollten alle nicht vergessen: Immer noch – auch nach 650 Jahren – werden Menschen mit Behinderungen am Studieren be-hindert. Schuld daran ist ein Schul- und Bildungssystem, das nicht inklusiv ist. Schuld daran sind Barrieren, die immer noch vorhanden sind. Und die Menschen mit Behinderungen eben vom Studieren ausschließen.

Nach 650 Jahren sollte es an der Zeit sein, dafür zu sorgen, dass sich das ändert. Die Universitäten sind ein Teil davon. Wichtig wird aber sein: Die Schulen müssen inklusiv gestaltet sein! So, wie es die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen fordert. Und diese UN Konvention gilt in Österreich auch bereits seit 2008.

Es ist also höchste Zeit, unser Schul- und Bildungssystem zu ändern!

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