Bist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach. Mein Text für die Kinderuni on tour-Vorlesung

Diesen Text habe ich heute (21.8.2015) Nachmittag bei der Kinderuni on tour mit Kindern/Jugendlichen besprochen.

Informationen zur Kinderuni on tour finden sich hier: https://www.kinderuni.at/kinderuniontour/kinderuni-on-tour-sei-dabei/kinderuni-on-tour-in-wien/

Ich wünsche Euch einen schönen Nachmittag!

Heute geht es um das ThemaBist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach

Aber bevor wir über dieses Thema reden, stelle ich mich zuerst kurz vor.

Mein Name ist Ursula. Ich unterrichte an der Universität Wien das Fach Politikwissenschaft. Politikwissenschaft bedeutet: Nachdenken über unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Ich arbeite dabei zum Thema Behinderung. Da geht es eben genau um unser Zusammenleben in der Gesellschaft – wie wir miteinander umgehen. In der Schule, im Park, überall. Und auch, wie wir über andere reden.

Noch eine wichtige Information: Bitte unterbrecht mich jederzeit und fragt oder ergänzt – aber bitte mit Aufzeigen und bitte nur zum Thema! Danke!

Kennt ihr Menschen mit Behinderungen? Wenn ja, erzählt mir bitte davon.

Man kann bei Menschen mit Behinderungen vor allem eines bemerken, was uns aber alle betrifft: Hindernisse – so genannte Barrieren – be-hindern Menschen.

Wenn zum Beispiel eine Rampe fehlt, weil nur Stufen da sind.

Oder wenn zum Beispiel alles sehr schwer verständlich geschrieben ist und eine Erklärung fehlt.

Ihr merkt sicher bereits alle: Das hat sehr viel mit dem Thema meiner heutigen Vorlesung hier im Park zu tun.

Behindert IST man NICHT, weil an einem etwas nicht funktioniert oder nicht stimmt. Behindert WIRD man, weil wir alle anderen uns nicht so verhalten, dass eben alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben – also mitmachen – können.

Das sind eben genau diese Barrieren, diese Hindernisse. Die stehen manchen Menschen im Weg.

Kommen wir also zu den Schimpfworten, die ihr hoffentlich noch nie selber verwendet habt, die aber leider viele Menschen verwenden. Falls selber, dann hört bitte jetzt besonders gut zu.

„Bist du behindert? Oder auch: Bist du ein Spast?“

Was soll das eigentlich heißen? Was meint ihr damit, wenn ihr das sagt?

Man bewegt sich vielleicht anders. Oder man sieht, hört, denkt anders.

Aber was heißt ANDERS? Bewegen, denken, sehen, gehen alle anderen Menschen GLEICH?? NEIN!

Wenn zum Beispiel eine/einer von Euch einen Akzent beim Deutsch-Sprechen hat, ist er oder sie deshalb ein anderer Mensch? Wenn jemand von Euch die Note 5 in Mathematik hat, ist er oder sie deshalb ein anderer Mensch, über den man sich lustig machen darf und kann?

Sind das Gründe, Menschen als ANDERS zu bezeichnen, sie zu beleidigen, zu kränken, zu verletzen? NEIN! Denn wir alle sind eben sehr unterschiedlich. Es gibt nicht die einen, die alle gleich sind und die anderen, die anders sind.

Habt ihr schon einmal das Wort Inklusion oder das Wort Vielfalt gehört und wenn ja, was bedeuten diese beiden Worte?

Wir alle sollen friedlich und gut miteinander umgehen und zusammen leben. Das besagt das Wort Inklusion. Egal, wer oder wie man ist. Und Inklusion heißt, dass wir alle in unserer Vielfalt leben können sollen. Vielfalt bedeutet: Wir sind alle unterschiedlich. Wie fad wäre die Welt, wenn wir alle gleich wären!

Und was sind Vorurteile?

Vorurteile sind bestimmte Vorstellungen, die wir über einen anderen Menschen haben. Dass manche Menschen zum Beispiel glauben, Menschen mit Behinderungen sind schlechtere Menschen, weil irgend etwas anders ist.

Ich gebe Euch jetzt ein paar Beispiele, an denen ihr erkennen könnt, was Schimpfworte wie ‚Bist du behindert?’ eigentlich bedeuten:

Manche Menschen mit Behinderungen können im Kino oft nur ganz vorne den Film anschauen. Warum? Weil es in Kinos meistens viele Stufen gibt, die man mit einem Rollstuhl nicht benützen kann.

Manche Menschen mit Behinderungen können sich im Brandfall nicht retten und verbrennen, weil sie gehörlos sind und daher den Alarm nicht hören können. Warum? Es fehlen in vielen Häusern Lichtsignale.

Manche Menschen mit Behinderungen können niemals studieren, also auf die Universität kommen. Warum? Weil es Schulen gibt, die das dann nachher nicht ermöglichen. So genannte Sonderschulen, in denen man nicht sehr viel lernt.

Manche Menschen mit Behinderungen sind wegen eines Zahns, der weh tut, beim Zahnarzt und kommen dann ohne einen einzigen Zahn wieder heraus. Warum? Weil es ‚einfacher’ ist, alles auf einmal zu ‚erledigen’, wenn man jemandem erst lang erklären muss, was da gemacht wird.

Ich könnte da noch sehr viele andere Beispiele aufzählen.

Wichtig ist dabei:

Warum gibt es kaum Rampen, aber dafür so viele Stufen?

Warum gibt es kaum Lichtsignale, dafür aber viele Geräusche?

Warum gibt es kaum Schulen, die alle Kinder gut unterrichten, dafür aber immer noch viele Schulen, die Kinder schlecht ausbilden?

Warum gibt es kaum einfache Erklärungen zum Beispiel für medizinische Behandlungen, dafür aber viel komplizierte Begriffe?

Fällt Euch etwas auf?

Ich rede da nicht nur von Menschen mit Behinderungen. Ich rede von uns allen, von Euch allen!

Wenn Eure Mutter einkaufen geht oder mit dem Kinderwagen herum fährt, findet sie eine Rampe sicher gut.

Wenn ihr Kopfhörer aufhabt, dann findet ihr Lichtsignale zur Warnung sicher gut.

Wenn in Schulen auch auf Eure Muttersprache Rücksicht genommen wird oder darauf, dass ihr in Mathematik nicht so gut seid und mehr erklärt wird, findet ihr das sicher gut.

Wenn ihr zum Arzt geht und zum Beispiel Euren Verwandten etwas übersetzen sollt oder wenn ihr zur Ärztin geht und sie Euch etwas erklärt, findet ihr es sicher gut, wenn der Arzt/die Ärztin Worte verwendet, die ihr verstehen könnt.

Barrieren – Hindernisse betreffen uns ALLE! Was macht Euch, dich, uns also so grundsätzlich anders als Menschen mit Behinderungen?

NICHTS!

Was ich Euch bitte, ist folgendes: Wenn ihr in Zukunft Schimpfworte verwenden wollt, denkt bitte ZUERST nach, was ihr da sagt.

Wem tue ich damit weh? Wen beleidige ich?

Und stimmt das überhaupt, was ich da als Schimpfwort verwende?

Es ist die Aufgabe von UNS ALLEN, gut miteinander umzugehen. Niemand hat verdient, beleidigt zu werden. Das wollt ihr sicher auch nicht.

Und ich kann Euch versichern, man findet sehr leicht bei jedem Menschen – auch bei Euch allen und bei mir – etwas, womit man ihn oder sie beleidigen kann oder könnte. Aber das muss eben nicht sein und es soll auch nicht sein.

Und vor allem eines:

Wenn Euch so ein Schimpfwort das nächste Mal auf der Zunge liegt, denkt über die Beispiele nach! Behindert wird man, behindert ist man nicht.

Also ‚bringt’ es am Ende absolut gar nichts, diese Schimpfworte zu verwenden – außer, dass man eben jemandem weh tut, was schlecht ist.

Weil ihr damit nicht über einen Menschen redet, sondern aufzeigt, was in unserer Gesellschaft nicht funktioniert. Es gibt zu viele Hindernisse – Barrieren – die verhindern, dass alle Menschen mitmachen können. Helft lieber mit, die Hindernisse abzubauen.

Ich bitte Euch also, darüber nachzudenken, was wir jetzt besprochen haben.

Habt ihr Fragen zum Thema ‚Bist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach?

Ich wünsche Euch allen noch einen schönen verbleibenden Tag! Danke, dass ihr zugehört und mitgemacht habt!

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