Ich brauche wenig zum Glücklichsein – oder doch ganz im Gegenteil?

Heute war ich in Graz bei einem Treffen. Da waren viele Menschen und alle haben darüber nachgedacht: Wie können wir besser zusammenarbeiten, wie können wir uns vernetzen? Damit Menschen von der Gesellschaft und der Politik besser unterstützt werden – und zwar Menschen mit einer so genannten erworbenen Hirnschädigung.

Das sind in Österreich ziemlich viele Menschen. Und trotzdem werden sie nicht ausreichend wahrgenommen. Das sind Menschen, die einen Unfall hatten. Das sind Menschen, die einen Schlaganfall hatten. Das sind Menschen, die dann zum Beispiel einen Rollstuhl benützen. Oder aber es sind Menschen, die sich dann im so genannten Wachkoma befinden. Diese Menschen sind scheinbar nicht bei Bewusstsein. Lange wurden diese Menschen daher wie Tote behandelt – lieblos und entmenschlicht. Heute hat sich das geändert. Man versucht, diese Menschen einzubinden – zum Beispiel nicht über sie zu reden, sondern mit ihnen zu reden. Auch wenn sie scheinbar nicht reagieren.

Allerdings gibt es für Menschen mit einer so genannten erworbenen Hirnschädigung zu wenige Plätze in Spitälern und anderen Einrichtungen. Und zudem gibt es zu wenig ausgebaute Unterstützungsstrukturen für daheim. In der Öffentlichkeit wird aber darüber nicht viel geredet. Betroffene Menschen und ihre Familien sind ziemlich auf sich alleine gestellt.

Daher haben diese Menschen schon vor einiger Zeit begonnen, sich zu vernetzen. Sie haben verstanden: Wir müssen gemeinsam etwas verändern. Alleine schafft das niemand. Und dieses Treffen heute in Graz war eine weitere Vernetzung: Viele Menschen aus verschiedenen Bundesländern waren in Graz bei dem Treffen. Es waren selbst betroffene Menschen ebenso dabei wie zum Beispiel Angehörige, Pflegende und MedizinerInnen. Also: Betroffene Menschen und deren Alliierte (also Menschen, die unterstützen).

Alle zusammen haben ein Ziel: Etwas verändern, die Lage verbessern – im Sinne der Menschen, die von einer erworbenen Hirnschädigung betroffen sind. Sie wollen zeigen: Das sind viele Menschen. Und man darf diese Menschen nicht einfach vergessen. Die Gesellschaft muss anders mit diesen Menschen umgehen. Und die Politik ebenso. Denn ohne die Politik wird sich nichts ändern. Es muss Regelungen geben, die diese Menschen unterstützen helfen.

Und jetzt auf der Rückfahrt im Zug nach Wien habe ich mir gedacht: Ich brauche eigentlich wenig zum Glücklichsein:

Menschen, die etwas gerne und intensiv machen. Menschen, die für etwas eintreten. Menschen, die ihre Meinung sagen. So, wie ich das auch tue bei Themen, die mir wichtig sind.

Aber dann habe ich gedacht: Ist das wirklich wenig? Oder ist das nicht im Gegenteil sehr viel? Für mich selber habe ich eine Antwort gefunden: Es ist sehr viel. Es macht mich glücklich, so etwas zu erleben. Es gibt mir Kraft für meine eigene Arbeit.

Ganz im Sinne der Disability Studies, bei denen es nicht um bloßes Forschen geht. Sondern um das gleichzeitige Verändern der Welt (und damit meine ich nicht die ganze Welt, sondern auch kleine Teilbereiche des Zusammenlebens in der Gesellschaft). Ich will und kann nicht nur forschen um des Forschens Willen. Und das ist auch nicht der Sinn von Politikwissenschaft. Politikfeldanalysen, also das Untersuchen von politischen Inhalten, sollen anwendungs- und problemorientiert sein. Das bedeutet: Es gibt ein konkretes Problem. Und es geht um das Finden von Lösungen. Und damit um das Verändern der Welt.

Und wenn ich dann bei so einem Treffen wie heute bin, tanke ich neue Energie. Weil ich neue Argumente höre. Weil ich viel dazu lerne. Weil ich Menschen erlebe, die sich für etwas, was ihnen wichtig ist, einsetzen. Und weil sie nicht nur Probleme aufzeigen, sondern Lösungen suchen.

Und das macht mich glücklich. Sehr sogar.

Advertisements