Reform, die

Im Wörterbuch Duden steht beim Begriff Reform folgender Text:

„planmäßige Neuordnung, Umgestaltung, Verbesserung des Bestehenden (ohne Bruch mit den wesentlichen geistigen und kulturellen Grundlagen)“

Da kommen vor allem zwei wichtige Begriffe vor: planmäßig und Verbesserung.

Jemand setzt etwas mit einem Plan und nach einem Plan um. Jemand hat also ein Plan. Das bedeutet: Jemand weiß, was er/sie tut, jemand hat darüber nachgedacht, was er/sie tut.

Und Verbesserung bedeutet: Jemand weiß, dass die derzeitige Situation – also so, wie es gerade jetzt ist – nicht der bestmögliche Zustand ist. Jemand möchte daher also etwas ändern. Und zwar zum Besseren.

Aber das ist leichter gesagt als getan.

Denn dazu braucht es viel Nachdenken. Viele Fragen drängen sich auf:

Wie sieht es derzeit aus? Warum ist die derzeitige Situation nicht so gut wie sie sein könnte? Was muss getan werden, um die Situation zu verbessern? Was muss also verändert werden?

Erst, wenn jemand darüber ausführlich nachgedacht hat, kann ein Plan umgesetzt werden. Und erst dann kann es zu einer echten Verbesserung kommen.

Bei der aktuellen Diskussion um die Bildungsreform in Österreich muss man sich fragen: Wer hat da nachgedacht? Hat man gemeinsam nachgedacht? Und worüber hat man da nachgedacht?

In den Tagen vor dem Bekanntgeben der Bildungsreform entstand vor allem ein Eindruck:

Es ging mehr um Streitereien um Zuständigkeiten zwischen den Bundesländern (als Einzelteile Österreichs) und dem Bund (dem großen Ganzen sozusagen; das, was Österreich insgesamt betrifft). Wer bestimmt, wie die Schulen in welchem Bundesland wie ausschauen? Und wer zahlt was? Darum ging es vor allem, hatte es den Anschein.

Und es hatte zugleich den Anschein, dass es weniger um eine wesentliche Frage ging:

Was ist Bildung, was macht Bildung aus? Wie soll Bildung vermittelt werden? Wie soll also unterrichtet und gelernt werden? Wie sieht das Bildungssystem in Österreich derzeit aus? Was funktioniert gut, was funktioniert nicht gut?

Das sind die wichtigen Fragen bei einer Bildungsreform. Aber das schien zumindest in den Tagen vor der Bekanntgabe der Bildungsreform weniger wichtig zu sein. Und das verhieß nichts Gutes.

Ein Punkt der Streitereien der letzten Tage und Wochen waren so genannte Modellregionen zur Erprobung der gemeinsamen Schule für 6- bis 14-jährige Schülerinnen und Schüler. In einer Modellregion probiert man etwas Neues aus. Diese Region kann dann ein Modell sein für andere Regionen, andere Bundesländer und dann für ganz Österreich. Der Umbau des Bildungsangebots in so einer Modellregion ist nicht so einfach. Da muss viel verändert werden an dem, was es derzeit gibt. Und so ein Umbau kostet Geld. Nun steht aber in dem Papier zur Bildungsreform (laut Standard unter http://derstandard.at/2000025867433/Bund-und-Laender-einigten-sich-ueber-Bildungsreform, 17.11.2015 nachzulesen): „Für den Bund entstehen keine Mehrkosten. Der Bund wird die Modellregionen nicht zusätzlich finanzieren.“

Das heißt: Das müssen die zahlen, die so eine Modellregion wollen. Wenn sie keine Modellregion bezahlen wollen, wird es auch keine Modellregion geben. Österreich als Ganzes wird jedenfalls so eine Modellregion nicht bezahlen.

In der Zeitung Standard wurde heute von der Pressekonferenz berichtet (https://derstandard.at/jetzt/livebericht/2000025873224/regierung-praesentiert-eckpunkte-der-bildungsreform; 17.11.2015). Bundeskanzler Faymann wurde zitiert: „Die Zukunft der Schule wird auf einen gemeinsamen Weg gebracht“.

Wie genau kann aber der gemeinsame Weg von einer Modellregion aussehen – angewendet dann nicht mehr nur in der Region, sondern in einem ganzen Bundesland oder gar in ganz Österreich?

Nach einem gemeinsamen Weg klingt das nicht unbedingt, dass die Modellregionen nicht vom Bund finanziert werden sollen. Und viel dringender ist dabei: Was in einer Modellregion funktioniert, muss nicht überall funktionieren. Und das gilt auch umgekehrt, sollte es nicht so gut funktionieren. Was lernen wir also dann aus den Modellregionen für ganz Österreich? Und wie wird das dann übertragbar sein auf andere Regionen in Österreich?

Die Idee des Ausprobierens in einer bestimmten Region ist an sich eine recht gute Idee. Nur bleibt noch unklar: Wie soll das dann übertragbar werden? Und wer soll was zahlen? Was ist, wenn herauskommt, dass so eine Modellregion zumindest am Anfang teurer ist (was wegen des Umbaus des Bildungsangebots anzunehmen ist)? Oder wenn die Verbesserungen nicht gleich die sind, die erwartet werden? Wird dann noch irgendeine andere Region auch eine Modellregion sein wollen? Das ist zu bezweifeln.

Ein Plan bedeutet: Vorausschauen. Überlegen, was sich wie verändern könnte. Ein Plan bedeutet: Kosten und Nutzen einer Modellregion abschätzen. Und ein Plan bedeutet: Überlegen, ob jemand wirklich etwas nachhaltig verändern und verbessern will.

Reform, die. Das ist ein schwieriges Wort. Und es ist noch schwieriger, es zu leben und danach zu handeln. Ganz habe ich nicht den Eindruck, dass die Bildungsreform in Österreich dem Wort Reform gerecht wird. Aber ich lasse mich in ein paar Jahren gerne eines Besseren belehren.

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