Können, aber nicht dürfen

Ich habe heute eine Parte bekommen. Das ist eine Information über den Tod eines Menschen. Dieser Mensch war ein Student von mir. Und ich habe ihn recht gut gekannt. Wir haben oft nach meiner Lehrveranstaltung noch geplaudert. Über sein Leben und über mein Leben. Über seine Hoffnungen. Über seine Wünsche. Was gut läuft, was schlecht läuft.

Dieser Mensch ist nun plötzlich gestorben. Das erschüttert mich aus verschiedenen Gründen sehr. Und daher schreibe ich jetzt etwas über ihn und sein Leben – wie er es mir immer wieder erzählt hat.

Ich nenne seinen Namen nicht, da ich nicht weiß, ob ihm das in so einem Blogeintrag recht gewesen wäre. Das lesen ja doch viele andere Menschen. Ich will ihn nicht vorführen. Aber ich will eines deutlich machen: Das Ganze ist doppelt traurig. Erstens, weil er gestorben ist und nun nicht mehr da ist. Und zweitens, weil er in einer Gesellschaft leben musste, die ihn ausgegrenzt hat. Denn dieser Mensch, der jetzt gestorben ist, war ein Mensch mit Behinderungen.

Warum ich das erwähne? Weil er ein lebendes Beispiel dafür war, wie extrem schwer man es als Mensch mit Behinderungen in Österreich hat. Das gilt für das Studieren. Und das gilt für das Arbeiten.

Dieser Mensch, der nun gestorben ist, hatte zwei Magister-Abschlüsse an der Universität. Das heißt: Er hat an der Universität viel gelernt. Und dann hat er zwei Studien mit einem so genannten Mag.-Titel abgeschlossen. Das heißt wiederum: Er war gut in diesen beiden Studien. Er konnte viel. Und er hat es geschafft, als Mensch mit Behinderungen bis an die Universität zu kommen. Das gelingt nicht vielen Menschen. Und zwar nicht, weil sie das nicht können. Sondern weil wir immer noch ein Schulsystem haben, das Menschen mit Behinderungen ausgrenzt. Aus einer Sonderschule an eine Universität zu kommen, das ist ein schwerer bis unmöglicher Weg. Viele Barrieren (Hindernisse) liegen einem da im Weg. Aber er hat diese Hindernisse überwunden und sogar zwei Studien abgeschlossen.

Einige Male hat er mir erzählt, dass er aber nicht solche Studienabschlüsse sammeln will. Das war eher aus der Not heraus. Denn eigentlich wollte er arbeiten. In den Bereichen, in denen er Studien abgeschlossen hat. Aber er hat keinen passenden Job gefunden. Aber das lag nicht an seinem Können und Wissen. Er hat viel gewusst. Es lag daran: Man wollte ihm keinen Job geben.

Und zwar warum? Er hat mir das oft erzählt: Entweder befand man ihn als überqualifiziert (das heißt: er hat zu viel gewusst, nicht zu wenig; er konnte zu viel, nicht zu wenig). Oder aber er galt als zu behindert. Er konnte es niemandem recht machen.

Er wollte als Mensch in der Arbeitswelt ernst genommen zu werden. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Weil wir immer noch als Gesellschaft Menschen aufgrund einer Behinderung ausgrenzen. Statt dass wir endlich merken: Wir  bauen die Hindernisse auf. Wir nehmen Menschen Chancen. Wir nehmen ihnen Möglichkeiten zu lernen und zu arbeiten. Wir behindern.

Können, aber nicht dürfen. Das fasst es für mich zusammen. Und das finde ich extrem traurig und tragisch. Er konnte viel, aber er durfte nicht arbeiten.

Der Student, der jetzt gestorben ist, zeigt uns: Wir sind als Gesellschaft noch weit weg davon, Menschen mit Behinderungen einen Platz in der Gesellschaft zu geben, der nicht am Rand ist. Sondern in der Mitte.

Zum Glück habe ich diesem Studenten oft gesagt, dass ich es absolut bewundere, was er macht. Und das ich nachvollziehen kann, was er da erleben muss. Sonst müsste ich jetzt in einer Ecke über mich selber heulen. So aber kann ich mich seinem Andenken widmen.

Wir müssen etwas tun, damit sich etwas ändert. Und dieses ‚Etwas‘ ist viel: Inklusion bedeutet Anerkennung von Vielfalt. Inklusion bedeutet: Menschen haben Chancen und Möglichkeiten. Und sie werden ihnen nicht genommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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