Das Thema Sonderschule – Wer sind die echten ExpertInnen und wer sind die selbst ernannten ExpertInnen?

Ich lese oft im Internet einen Text. Und dann mache ich immer wieder einen Fehler: Ich lese dann leider auch die so genannten Kommentare. Ein Kommentar ist eine Antwort auf einen Text. Jemand schreibt etwas. Und dann kann man diesen Text kommentieren. Das heißt: Ich sage dann: Das und das finde ich am Text gut, das finde ich schlecht.

Heute (18. Mai 2017) habe ich einen Text von Petra Flieger zur Sonderschule gelesen.

Bei jedem Thema gibt es Menschen, die sich gut damit auskennen. So einen Menschen nennt man Expertin oder Experte. ExpertIn sein bedeutet also: Ich kenne mich mit einem Thema aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es immer zwei Gruppen von ExpertInnen:

Da gibt es erstens die so genannten ‚echten’ ExpertInnen. Sie nennen sich selber so. Damit gemeint sind: Eltern von Kindern mit Behinderungen und die LehrerInnen von Kindern mit Behinderungen.

Und dann gibt es zweitens die so genannten selbst ernannten ExpertInnen. Wenn ich jemanden so nenne, meine ich: Er/sie tut nur so. Er/sie kennt sich aber in Wahrheit nicht mit dem Thema aus. Er/sie sagt einfach nur so: Ich kenne mich aus.

Der Unterschied ist also: Die echten ExpertInnen kennen sich angeblich gut aus. Und die selbst ernannten ExpertInnen behaupten das nur. Sie kennen sich in Wahrheit aber nicht aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es da schon seit vielen Jahren einen sehr tiefen Graben. Und der Graben trennt die zwei Gruppen: Die so genannten echten ExpertInnen und die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Aber schauen wir uns die so genannten selbst ernannten ExpertInnen einmal genauer an:

Das sind sehr oft ebenso Eltern von Kindern mit Behinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen, die bei Integration Österreich dabei sind. Diese Eltern haben sehr wohl Erfahrungen zum Thema Sonderschule. Aber über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind auch sehr oft erwachsene Menschen mit Behinderungen: Sie haben direkt Erfahrung mit Sonderschulen. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind außerdem Menschen mit und ohne Behinderungen, die zum Thema Sonderschule forschen. Viele von diesen Menschen forschen schon sehr lange zum Thema Sonderschule. Das heißt: Sie denken über Sonderschulen nach. Wo gibt es Sonderschulen, wo gibt es keine mehr? Wie funktioniert das in anderen Ländern ohne Sonderschulen? Was muss sich in Österreich alles ändern? [kurze Antwort: Viel…]. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Wir haben in Österreich schon lange ein so genanntes Parallelsystem. Wir haben so genannte Regelschulen. Und wir haben Sonderschulen. Und es gibt eben recht viele Menschen, die sagen: Die Sonderschulen müssen weg. Die Sonderschulen be-hindern Menschen mit Behinderungen. Einmal in einer Sonderschule heißt meistens: Ich bekomme keine gute Bildung. Ich lerne nicht viel. Und: Ich bekomme danach keinen ordentlichen Job.

Deshalb sagen also viele Menschen: Weg mit den Sonderschulen.

Das sagt auch die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN Konvention sagt: Inklusion auch in der Schule ist das Ziel. Inklusion heißt: Alle Menschen sind verschieden. Und das ist gut so. Und wir alle leben in unserer Verschiedenheit gut miteinander zusammen. Auch Schulen müssen für alle Menschen offen sein. Alle Menschen müssen etwas lernen dürfen. Egal, wer diese Menschen sind.

Eines ist dabei klar: Sonderschulen abschaffen muss gut gemacht werden. Das heißt: LehrerInnen müssen neu ausgebildet werden. Sie müssen wissen, was Inklusion ist. Schulen müssen umgebaut werden. Sie müssen barrierefrei sein (also ohne Hindernisse sein). Und es muss Geld da sein für diese neuen Schulen. Das Geld braucht man für die Unterstützung der Kinder. Und das hilft im Übrigen allen Kindern. Ich kenne keine so genannte Regelschule, in der alle Kinder in einer Klasse gleich sind. Wir tun aber immer so. Wir sagen: In der Regelschule sind alle gleich. In der Sonderschule sind die Kinder, die nicht gleich sind.

Es gibt auf der ganzen Welt viele gute Beispiele ohne Sonderschulen. Und das sagen eben viele Menschen. Diese Menschen sagen: Schaffen wir in Österreich die Sonderschulen ab. Geben wir allen Kindern ihr Recht auf gute Bildung und später auf einen guten Job. Und wer sind diese Menschen? Das sind die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Ich kann und will das nicht mehr hören. Die echten ExpertInnen sind die, die sagen: Es wird nicht besser werden. Also lassen wir es so. Die so genannten ExpertInnen sind die, die sagen: Lasst uns die Schulen verändern. Lasst uns etwas ändern.

Ja klar, das kostet Geld. Aber wie gesagt: Es hilft allen Kindern. Unsere Regelschulen sind nicht so super, wie wir alle gerne behaupten. Überall muss sich etwas ändern. Und es muss sich viel ändern. Da reicht kein Durchwurschteln. Das muss eine grundlegende Veränderung sein.

Und ich mag eines nicht mehr lesen müssen: Wenn jemand für Veränderung ist, ist er/sie keine selbst ernannte ExpertIn. Das ist abschätzig. Damit sage ich über jemanden: Er/sie tut ja nur so. Ich mache damit jemanden schlecht. Und ich mach damit seine/ihre Ideen schlecht.

Können wir endlich gemeinsam über Schulen in Österreich nachdenken? Können wir endlich einander zuhören? Und nicht nur die jeweils anderen beschimpfen und schlecht machen? Das wäre der richtige Weg zur Veränderung. Leider sind wir davon noch sehr weit weg.

Gemeinsam bedeutet: Wir nehmen alle ernst, alle Menschen sind wichtig.

Momentan werden Kinder mit Behinderungen selbst überhaupt nicht als ExpertInnen ernst genommen. Aber sie erleben die Sonderschule täglich. Sie wissen darüber Bescheid. Es gibt nicht nur die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Es gibt auch die UN Konvention über die Rechte des Kindes.

Momentan nehmen wir beide UN Konventionen nicht wirklich ernst. Und warum? Weil viele Menschen sagen: Wir reden lieber über Menschen mit Behinderungen. Wir reden lieber über Kinder mit Behinderungen. Selber brauchen wir sie nicht reden lassen. Sie kennen sich nicht aus. Solange wir so über Kinder mit Behinderungen nachdenken, wird sich nie etwas verändern.

Inklusion ist eine große Herausforderung. Inklusion bedeutet: Ich akzeptiere jeden anderen Menschen so, wie er/sie ist. Akzeptieren heißt: Ich anerkenne jeden anderen Menschen als Menschen. Egal, wie verschieden wird sind. Das klingt eigentlich sehr einfach. Ist es aber nicht. Und warum? Weil wir viele Jahnhunderte gedacht haben: Menschen mit Behinderungen sind anders. Und weil wir das gedacht haben, haben wir sie immer ausgeschlossen. Wir haben sie nicht mitmachen lassen. Wir haben über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Wir haben sie nicht für sich selber sprechen lassen.

Und da kommt dann auf einmal die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen daher und sagt: Menschen mit Behinderungen haben Rechte. Und es muss alles dafür getan werden, dass Menschen mit Behinderungen diese Rechte auch wirklich bekommen. Viele Menschen haben das immer schon gewusst. Aber sie haben es nicht laut gesagt. Jetzt steht es aber Schwarz auf Weiß geschrieben. Und jetzt muss zum Beispiel die Sonderschule in Österreich abgeschafft werden.

Und dann sagen Menschen: Wir wollen das Schulsystem nicht verändern. Das dauert zu lange. Das kostet zu viel Geld. Das macht alle Kinder dann insgesamt dümmer. Viel wird da gesagt. Und alle, die das sagen, nennen sich selber echte ExpertInnen. Und die Menschen, die etwas verändern wollen, werden dann als selbst ernannten ExpertInnen beschimpft.

So kommen wir nicht weiter. Ja. Veränderung ist etwas Unsicheres. Eben genau, weil sich viel verändern muss: Zum Beispiel die Schule, die Ausbildung der LehrerInnen, der Umgang mit den Kindern. Und jeder Mensch versteht diese Angst vor der Veränderung. Aber: Wenn wir das Schulsystem nicht ändern, schaden wir den Kindern. Und wenn wir die Sonderschulen nicht aufgeben, schaden wir Kindern mit. Es gibt ausreichend Evidenz (das sind Beweise) dafür: Sonderschule bildet nicht gut aus. Sonderschule führt zu schlechten Jobs. Sonderschule kostet viel zusätzliche Kraft für Menschen mit Behinderungen. Viele Menschen mit Behinderungen haben es trotz der Sonderschule zu etwas gebracht. Aber das hat enorm viel Kraft gekostet. Kraft, die sie sinnvoller hätten einsetzen können.

Also: Gemeinsam haben wir viele verschiedene Formen von Wissen zum Thema Sonderschule. Es gibt viele ExpertInnen zum Thema Sonderschule. Und es ist an der Zeit, gemeinsam zusammen daran zu arbeiten. Nur dann werden die Ängste vor der Veränderung verschwinden. Und nur dann werden wir uns gegenseitig nicht mehr beschimpfen. Und erst dann wird es ausreichend Geld für die notwendigen Veränderung auf dem Weg weg von der Sonderschule geben.

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