Das Thema Sonderschule – Wer sind die echten ExpertInnen und wer sind die selbst ernannten ExpertInnen?

Ich lese oft im Internet einen Text. Und dann mache ich immer wieder einen Fehler: Ich lese dann leider auch die so genannten Kommentare. Ein Kommentar ist eine Antwort auf einen Text. Jemand schreibt etwas. Und dann kann man diesen Text kommentieren. Das heißt: Ich sage dann: Das und das finde ich am Text gut, das finde ich schlecht.

Heute (18. Mai 2017) habe ich einen Text von Petra Flieger zur Sonderschule gelesen.

Bei jedem Thema gibt es Menschen, die sich gut damit auskennen. So einen Menschen nennt man Expertin oder Experte. ExpertIn sein bedeutet also: Ich kenne mich mit einem Thema aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es immer zwei Gruppen von ExpertInnen:

Da gibt es erstens die so genannten ‚echten’ ExpertInnen. Sie nennen sich selber so. Damit gemeint sind: Eltern von Kindern mit Behinderungen und die LehrerInnen von Kindern mit Behinderungen.

Und dann gibt es zweitens die so genannten selbst ernannten ExpertInnen. Wenn ich jemanden so nenne, meine ich: Er/sie tut nur so. Er/sie kennt sich aber in Wahrheit nicht mit dem Thema aus. Er/sie sagt einfach nur so: Ich kenne mich aus.

Der Unterschied ist also: Die echten ExpertInnen kennen sich angeblich gut aus. Und die selbst ernannten ExpertInnen behaupten das nur. Sie kennen sich in Wahrheit aber nicht aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es da schon seit vielen Jahren einen sehr tiefen Graben. Und der Graben trennt die zwei Gruppen: Die so genannten echten ExpertInnen und die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Aber schauen wir uns die so genannten selbst ernannten ExpertInnen einmal genauer an:

Das sind sehr oft ebenso Eltern von Kindern mit Behinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen, die bei Integration Österreich dabei sind. Diese Eltern haben sehr wohl Erfahrungen zum Thema Sonderschule. Aber über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind auch sehr oft erwachsene Menschen mit Behinderungen: Sie haben direkt Erfahrung mit Sonderschulen. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind außerdem Menschen mit und ohne Behinderungen, die zum Thema Sonderschule forschen. Viele von diesen Menschen forschen schon sehr lange zum Thema Sonderschule. Das heißt: Sie denken über Sonderschulen nach. Wo gibt es Sonderschulen, wo gibt es keine mehr? Wie funktioniert das in anderen Ländern ohne Sonderschulen? Was muss sich in Österreich alles ändern? [kurze Antwort: Viel…]. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Wir haben in Österreich schon lange ein so genanntes Parallelsystem. Wir haben so genannte Regelschulen. Und wir haben Sonderschulen. Und es gibt eben recht viele Menschen, die sagen: Die Sonderschulen müssen weg. Die Sonderschulen be-hindern Menschen mit Behinderungen. Einmal in einer Sonderschule heißt meistens: Ich bekomme keine gute Bildung. Ich lerne nicht viel. Und: Ich bekomme danach keinen ordentlichen Job.

Deshalb sagen also viele Menschen: Weg mit den Sonderschulen.

Das sagt auch die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN Konvention sagt: Inklusion auch in der Schule ist das Ziel. Inklusion heißt: Alle Menschen sind verschieden. Und das ist gut so. Und wir alle leben in unserer Verschiedenheit gut miteinander zusammen. Auch Schulen müssen für alle Menschen offen sein. Alle Menschen müssen etwas lernen dürfen. Egal, wer diese Menschen sind.

Eines ist dabei klar: Sonderschulen abschaffen muss gut gemacht werden. Das heißt: LehrerInnen müssen neu ausgebildet werden. Sie müssen wissen, was Inklusion ist. Schulen müssen umgebaut werden. Sie müssen barrierefrei sein (also ohne Hindernisse sein). Und es muss Geld da sein für diese neuen Schulen. Das Geld braucht man für die Unterstützung der Kinder. Und das hilft im Übrigen allen Kindern. Ich kenne keine so genannte Regelschule, in der alle Kinder in einer Klasse gleich sind. Wir tun aber immer so. Wir sagen: In der Regelschule sind alle gleich. In der Sonderschule sind die Kinder, die nicht gleich sind.

Es gibt auf der ganzen Welt viele gute Beispiele ohne Sonderschulen. Und das sagen eben viele Menschen. Diese Menschen sagen: Schaffen wir in Österreich die Sonderschulen ab. Geben wir allen Kindern ihr Recht auf gute Bildung und später auf einen guten Job. Und wer sind diese Menschen? Das sind die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Ich kann und will das nicht mehr hören. Die echten ExpertInnen sind die, die sagen: Es wird nicht besser werden. Also lassen wir es so. Die so genannten ExpertInnen sind die, die sagen: Lasst uns die Schulen verändern. Lasst uns etwas ändern.

Ja klar, das kostet Geld. Aber wie gesagt: Es hilft allen Kindern. Unsere Regelschulen sind nicht so super, wie wir alle gerne behaupten. Überall muss sich etwas ändern. Und es muss sich viel ändern. Da reicht kein Durchwurschteln. Das muss eine grundlegende Veränderung sein.

Und ich mag eines nicht mehr lesen müssen: Wenn jemand für Veränderung ist, ist er/sie keine selbst ernannte ExpertIn. Das ist abschätzig. Damit sage ich über jemanden: Er/sie tut ja nur so. Ich mache damit jemanden schlecht. Und ich mach damit seine/ihre Ideen schlecht.

Können wir endlich gemeinsam über Schulen in Österreich nachdenken? Können wir endlich einander zuhören? Und nicht nur die jeweils anderen beschimpfen und schlecht machen? Das wäre der richtige Weg zur Veränderung. Leider sind wir davon noch sehr weit weg.

Gemeinsam bedeutet: Wir nehmen alle ernst, alle Menschen sind wichtig.

Momentan werden Kinder mit Behinderungen selbst überhaupt nicht als ExpertInnen ernst genommen. Aber sie erleben die Sonderschule täglich. Sie wissen darüber Bescheid. Es gibt nicht nur die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Es gibt auch die UN Konvention über die Rechte des Kindes.

Momentan nehmen wir beide UN Konventionen nicht wirklich ernst. Und warum? Weil viele Menschen sagen: Wir reden lieber über Menschen mit Behinderungen. Wir reden lieber über Kinder mit Behinderungen. Selber brauchen wir sie nicht reden lassen. Sie kennen sich nicht aus. Solange wir so über Kinder mit Behinderungen nachdenken, wird sich nie etwas verändern.

Inklusion ist eine große Herausforderung. Inklusion bedeutet: Ich akzeptiere jeden anderen Menschen so, wie er/sie ist. Akzeptieren heißt: Ich anerkenne jeden anderen Menschen als Menschen. Egal, wie verschieden wird sind. Das klingt eigentlich sehr einfach. Ist es aber nicht. Und warum? Weil wir viele Jahnhunderte gedacht haben: Menschen mit Behinderungen sind anders. Und weil wir das gedacht haben, haben wir sie immer ausgeschlossen. Wir haben sie nicht mitmachen lassen. Wir haben über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Wir haben sie nicht für sich selber sprechen lassen.

Und da kommt dann auf einmal die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen daher und sagt: Menschen mit Behinderungen haben Rechte. Und es muss alles dafür getan werden, dass Menschen mit Behinderungen diese Rechte auch wirklich bekommen. Viele Menschen haben das immer schon gewusst. Aber sie haben es nicht laut gesagt. Jetzt steht es aber Schwarz auf Weiß geschrieben. Und jetzt muss zum Beispiel die Sonderschule in Österreich abgeschafft werden.

Und dann sagen Menschen: Wir wollen das Schulsystem nicht verändern. Das dauert zu lange. Das kostet zu viel Geld. Das macht alle Kinder dann insgesamt dümmer. Viel wird da gesagt. Und alle, die das sagen, nennen sich selber echte ExpertInnen. Und die Menschen, die etwas verändern wollen, werden dann als selbst ernannten ExpertInnen beschimpft.

So kommen wir nicht weiter. Ja. Veränderung ist etwas Unsicheres. Eben genau, weil sich viel verändern muss: Zum Beispiel die Schule, die Ausbildung der LehrerInnen, der Umgang mit den Kindern. Und jeder Mensch versteht diese Angst vor der Veränderung. Aber: Wenn wir das Schulsystem nicht ändern, schaden wir den Kindern. Und wenn wir die Sonderschulen nicht aufgeben, schaden wir Kindern mit. Es gibt ausreichend Evidenz (das sind Beweise) dafür: Sonderschule bildet nicht gut aus. Sonderschule führt zu schlechten Jobs. Sonderschule kostet viel zusätzliche Kraft für Menschen mit Behinderungen. Viele Menschen mit Behinderungen haben es trotz der Sonderschule zu etwas gebracht. Aber das hat enorm viel Kraft gekostet. Kraft, die sie sinnvoller hätten einsetzen können.

Also: Gemeinsam haben wir viele verschiedene Formen von Wissen zum Thema Sonderschule. Es gibt viele ExpertInnen zum Thema Sonderschule. Und es ist an der Zeit, gemeinsam zusammen daran zu arbeiten. Nur dann werden die Ängste vor der Veränderung verschwinden. Und nur dann werden wir uns gegenseitig nicht mehr beschimpfen. Und erst dann wird es ausreichend Geld für die notwendigen Veränderung auf dem Weg weg von der Sonderschule geben.

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Können, aber nicht dürfen

Ich habe heute eine Parte bekommen. Das ist eine Information über den Tod eines Menschen. Dieser Mensch war ein Student von mir. Und ich habe ihn recht gut gekannt. Wir haben oft nach meiner Lehrveranstaltung noch geplaudert. Über sein Leben und über mein Leben. Über seine Hoffnungen. Über seine Wünsche. Was gut läuft, was schlecht läuft.

Dieser Mensch ist nun plötzlich gestorben. Das erschüttert mich aus verschiedenen Gründen sehr. Und daher schreibe ich jetzt etwas über ihn und sein Leben – wie er es mir immer wieder erzählt hat.

Ich nenne seinen Namen nicht, da ich nicht weiß, ob ihm das in so einem Blogeintrag recht gewesen wäre. Das lesen ja doch viele andere Menschen. Ich will ihn nicht vorführen. Aber ich will eines deutlich machen: Das Ganze ist doppelt traurig. Erstens, weil er gestorben ist und nun nicht mehr da ist. Und zweitens, weil er in einer Gesellschaft leben musste, die ihn ausgegrenzt hat. Denn dieser Mensch, der jetzt gestorben ist, war ein Mensch mit Behinderungen.

Warum ich das erwähne? Weil er ein lebendes Beispiel dafür war, wie extrem schwer man es als Mensch mit Behinderungen in Österreich hat. Das gilt für das Studieren. Und das gilt für das Arbeiten.

Dieser Mensch, der nun gestorben ist, hatte zwei Magister-Abschlüsse an der Universität. Das heißt: Er hat an der Universität viel gelernt. Und dann hat er zwei Studien mit einem so genannten Mag.-Titel abgeschlossen. Das heißt wiederum: Er war gut in diesen beiden Studien. Er konnte viel. Und er hat es geschafft, als Mensch mit Behinderungen bis an die Universität zu kommen. Das gelingt nicht vielen Menschen. Und zwar nicht, weil sie das nicht können. Sondern weil wir immer noch ein Schulsystem haben, das Menschen mit Behinderungen ausgrenzt. Aus einer Sonderschule an eine Universität zu kommen, das ist ein schwerer bis unmöglicher Weg. Viele Barrieren (Hindernisse) liegen einem da im Weg. Aber er hat diese Hindernisse überwunden und sogar zwei Studien abgeschlossen.

Einige Male hat er mir erzählt, dass er aber nicht solche Studienabschlüsse sammeln will. Das war eher aus der Not heraus. Denn eigentlich wollte er arbeiten. In den Bereichen, in denen er Studien abgeschlossen hat. Aber er hat keinen passenden Job gefunden. Aber das lag nicht an seinem Können und Wissen. Er hat viel gewusst. Es lag daran: Man wollte ihm keinen Job geben.

Und zwar warum? Er hat mir das oft erzählt: Entweder befand man ihn als überqualifiziert (das heißt: er hat zu viel gewusst, nicht zu wenig; er konnte zu viel, nicht zu wenig). Oder aber er galt als zu behindert. Er konnte es niemandem recht machen.

Er wollte als Mensch in der Arbeitswelt ernst genommen zu werden. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Weil wir immer noch als Gesellschaft Menschen aufgrund einer Behinderung ausgrenzen. Statt dass wir endlich merken: Wir  bauen die Hindernisse auf. Wir nehmen Menschen Chancen. Wir nehmen ihnen Möglichkeiten zu lernen und zu arbeiten. Wir behindern.

Können, aber nicht dürfen. Das fasst es für mich zusammen. Und das finde ich extrem traurig und tragisch. Er konnte viel, aber er durfte nicht arbeiten.

Der Student, der jetzt gestorben ist, zeigt uns: Wir sind als Gesellschaft noch weit weg davon, Menschen mit Behinderungen einen Platz in der Gesellschaft zu geben, der nicht am Rand ist. Sondern in der Mitte.

Zum Glück habe ich diesem Studenten oft gesagt, dass ich es absolut bewundere, was er macht. Und das ich nachvollziehen kann, was er da erleben muss. Sonst müsste ich jetzt in einer Ecke über mich selber heulen. So aber kann ich mich seinem Andenken widmen.

Wir müssen etwas tun, damit sich etwas ändert. Und dieses ‚Etwas‘ ist viel: Inklusion bedeutet Anerkennung von Vielfalt. Inklusion bedeutet: Menschen haben Chancen und Möglichkeiten. Und sie werden ihnen nicht genommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Um eine wichtige Erfahrung reicher

Ich war jetzt knapp zwei Jahre lang so genannte Stellvertretende Studienprogrammleiterin. Und zwar am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Politikwissenschaft ist das Nachdenken über unser Zusammenleben und unsere Regeln in der Gesellschaft.

Studienprogrammleitungen bestehen meistens aus zwei bis drei Menschen. Diese Menschen planen die Lehrveranstaltungen an einem Institut. Also: Wer soll im kommenden Jahr was unterrichten? Was soll den Studierenden von wem beigebracht werden? Und diese Menschen entscheiden wichtige Fragen: Was dürfen Studierende tun, was dürfen sie nicht tun? Was dürfen Lehrende tun, was dürfen sie nicht tun?

Ich war jetzt fast zwei Jahre die Stellvertreterin der Studienprogrammleiterin. Das bedeutet: Ich habe viele Anfragen (in emails und in der Sprechstunde) von Studierenden und auch von Lehrenden bekommen.

Im Oktober 2016 gibt es nun ein neues Team der Studienprogrammleitung Politikwissenschaft. Das ist also jetzt ein guter Zeitpunkt zum Nachdenken, wie das die letzten zwei Jahre so war.

Zusammengefasst: Es war eine wichtige Erfahrung. Und das meine ich im Guten und im Schlechten.

Ich unterrichte sehr gerne an der Universität Wien. Das Unterrichten nennt man Lehre. Lehre bedeutet: Mit den Studierenden viel reden und diskutieren. Und es bedeutet: Viel lernen. Denn wir können alle voneinander sehr viel lernen. Das ist etwas sehr Schönes und Wichtiges.

Als Stellvertretende Studienprogrammleiterin habe ich eine andere Seite des Miteinanders von Lehrenden und Studierenden kennen gelernt. Das ist sehr wichtig. Aber es war zum Teil auch ganz schön schmerzhaft. Ich sage es gleich jetzt: Ich verstehe das alles. Ich kann das alles gut nachvollziehen. Aber in emails und Gesprächen wurde ich zum Teil ganz schön heftig angegriffen. Und das musste ich erst verkraften lernen. Wie gesagt: Wenn Studierende sich nicht gut behandelt fühlen, ist klar, dass sie in Angriffshaltung gehen. Es geht immerhin um das Studium dieser Studierenden, es geht um die Kosten des Studiums (wegen der Dauer) und es geht ganz wesentlich um die Zukunft der Studierenden. Daher kann ich das alles wirklich gut verstehen. Aber zugleich denke ich mir: Es wäre manchmal schön gewesen, wir hätten einfach geredet und es wäre nicht gleich ein Angriff gekommen.

Uneinigkeit zwischen Lehrenden und Studierenden gibt es manchmal. Das kannte ich auch von früher und kenne es aus den Lehrveranstaltungen (so nennt man die Unterrichtsstunden).

Aber das bei der Studienprogrammleitung war dann teilweise schon eine andere Sache. Auch wenn das wohl eben alles aus schlechten Erfahrungen oder auch aus Ängsten heraus passiert ist: Ich möchte schon auch gerne so behandelt werden, wie man es umgekehrt  von mir ebenso erwartet. Das ist aber einige Male nicht passiert.

Auf alle Fälle waren es zum Glück nicht allzu viele schlechte Erfahrungen und Erlebnisse. Und ich hoffe, ich konnte die Studierenden unterstützen – sofern es Bereiche waren, für die ich zuständig war. Ich habe das eben trotz der negativen Erfahrungen sehr gerne gemacht.

Aber worauf ich mich ab Oktober wieder uneingeschränkt freue: Nur mehr die Lehrende zu sein, nicht das Feindbild (und so habe ich das einige Male sehr stark empfunden). Und dann wieder das Positive im Miteinander mit Studierenden erleben zu können. Leider erinnert man sich oft viel eher an Unangenehmes als an Angenehmes. Das wird sich nun wieder ändern, wenn ich nicht mehr Stellvertretende Studienprogrammleiterin bin. Und darauf freue ich mich sehr!

 

Reform, die

Im Wörterbuch Duden steht beim Begriff Reform folgender Text:

„planmäßige Neuordnung, Umgestaltung, Verbesserung des Bestehenden (ohne Bruch mit den wesentlichen geistigen und kulturellen Grundlagen)“

Da kommen vor allem zwei wichtige Begriffe vor: planmäßig und Verbesserung.

Jemand setzt etwas mit einem Plan und nach einem Plan um. Jemand hat also ein Plan. Das bedeutet: Jemand weiß, was er/sie tut, jemand hat darüber nachgedacht, was er/sie tut.

Und Verbesserung bedeutet: Jemand weiß, dass die derzeitige Situation – also so, wie es gerade jetzt ist – nicht der bestmögliche Zustand ist. Jemand möchte daher also etwas ändern. Und zwar zum Besseren.

Aber das ist leichter gesagt als getan.

Denn dazu braucht es viel Nachdenken. Viele Fragen drängen sich auf:

Wie sieht es derzeit aus? Warum ist die derzeitige Situation nicht so gut wie sie sein könnte? Was muss getan werden, um die Situation zu verbessern? Was muss also verändert werden?

Erst, wenn jemand darüber ausführlich nachgedacht hat, kann ein Plan umgesetzt werden. Und erst dann kann es zu einer echten Verbesserung kommen.

Bei der aktuellen Diskussion um die Bildungsreform in Österreich muss man sich fragen: Wer hat da nachgedacht? Hat man gemeinsam nachgedacht? Und worüber hat man da nachgedacht?

In den Tagen vor dem Bekanntgeben der Bildungsreform entstand vor allem ein Eindruck:

Es ging mehr um Streitereien um Zuständigkeiten zwischen den Bundesländern (als Einzelteile Österreichs) und dem Bund (dem großen Ganzen sozusagen; das, was Österreich insgesamt betrifft). Wer bestimmt, wie die Schulen in welchem Bundesland wie ausschauen? Und wer zahlt was? Darum ging es vor allem, hatte es den Anschein.

Und es hatte zugleich den Anschein, dass es weniger um eine wesentliche Frage ging:

Was ist Bildung, was macht Bildung aus? Wie soll Bildung vermittelt werden? Wie soll also unterrichtet und gelernt werden? Wie sieht das Bildungssystem in Österreich derzeit aus? Was funktioniert gut, was funktioniert nicht gut?

Das sind die wichtigen Fragen bei einer Bildungsreform. Aber das schien zumindest in den Tagen vor der Bekanntgabe der Bildungsreform weniger wichtig zu sein. Und das verhieß nichts Gutes.

Ein Punkt der Streitereien der letzten Tage und Wochen waren so genannte Modellregionen zur Erprobung der gemeinsamen Schule für 6- bis 14-jährige Schülerinnen und Schüler. In einer Modellregion probiert man etwas Neues aus. Diese Region kann dann ein Modell sein für andere Regionen, andere Bundesländer und dann für ganz Österreich. Der Umbau des Bildungsangebots in so einer Modellregion ist nicht so einfach. Da muss viel verändert werden an dem, was es derzeit gibt. Und so ein Umbau kostet Geld. Nun steht aber in dem Papier zur Bildungsreform (laut Standard unter http://derstandard.at/2000025867433/Bund-und-Laender-einigten-sich-ueber-Bildungsreform, 17.11.2015 nachzulesen): „Für den Bund entstehen keine Mehrkosten. Der Bund wird die Modellregionen nicht zusätzlich finanzieren.“

Das heißt: Das müssen die zahlen, die so eine Modellregion wollen. Wenn sie keine Modellregion bezahlen wollen, wird es auch keine Modellregion geben. Österreich als Ganzes wird jedenfalls so eine Modellregion nicht bezahlen.

In der Zeitung Standard wurde heute von der Pressekonferenz berichtet (https://derstandard.at/jetzt/livebericht/2000025873224/regierung-praesentiert-eckpunkte-der-bildungsreform; 17.11.2015). Bundeskanzler Faymann wurde zitiert: „Die Zukunft der Schule wird auf einen gemeinsamen Weg gebracht“.

Wie genau kann aber der gemeinsame Weg von einer Modellregion aussehen – angewendet dann nicht mehr nur in der Region, sondern in einem ganzen Bundesland oder gar in ganz Österreich?

Nach einem gemeinsamen Weg klingt das nicht unbedingt, dass die Modellregionen nicht vom Bund finanziert werden sollen. Und viel dringender ist dabei: Was in einer Modellregion funktioniert, muss nicht überall funktionieren. Und das gilt auch umgekehrt, sollte es nicht so gut funktionieren. Was lernen wir also dann aus den Modellregionen für ganz Österreich? Und wie wird das dann übertragbar sein auf andere Regionen in Österreich?

Die Idee des Ausprobierens in einer bestimmten Region ist an sich eine recht gute Idee. Nur bleibt noch unklar: Wie soll das dann übertragbar werden? Und wer soll was zahlen? Was ist, wenn herauskommt, dass so eine Modellregion zumindest am Anfang teurer ist (was wegen des Umbaus des Bildungsangebots anzunehmen ist)? Oder wenn die Verbesserungen nicht gleich die sind, die erwartet werden? Wird dann noch irgendeine andere Region auch eine Modellregion sein wollen? Das ist zu bezweifeln.

Ein Plan bedeutet: Vorausschauen. Überlegen, was sich wie verändern könnte. Ein Plan bedeutet: Kosten und Nutzen einer Modellregion abschätzen. Und ein Plan bedeutet: Überlegen, ob jemand wirklich etwas nachhaltig verändern und verbessern will.

Reform, die. Das ist ein schwieriges Wort. Und es ist noch schwieriger, es zu leben und danach zu handeln. Ganz habe ich nicht den Eindruck, dass die Bildungsreform in Österreich dem Wort Reform gerecht wird. Aber ich lasse mich in ein paar Jahren gerne eines Besseren belehren.

Ich brauche wenig zum Glücklichsein – oder doch ganz im Gegenteil?

Heute war ich in Graz bei einem Treffen. Da waren viele Menschen und alle haben darüber nachgedacht: Wie können wir besser zusammenarbeiten, wie können wir uns vernetzen? Damit Menschen von der Gesellschaft und der Politik besser unterstützt werden – und zwar Menschen mit einer so genannten erworbenen Hirnschädigung.

Das sind in Österreich ziemlich viele Menschen. Und trotzdem werden sie nicht ausreichend wahrgenommen. Das sind Menschen, die einen Unfall hatten. Das sind Menschen, die einen Schlaganfall hatten. Das sind Menschen, die dann zum Beispiel einen Rollstuhl benützen. Oder aber es sind Menschen, die sich dann im so genannten Wachkoma befinden. Diese Menschen sind scheinbar nicht bei Bewusstsein. Lange wurden diese Menschen daher wie Tote behandelt – lieblos und entmenschlicht. Heute hat sich das geändert. Man versucht, diese Menschen einzubinden – zum Beispiel nicht über sie zu reden, sondern mit ihnen zu reden. Auch wenn sie scheinbar nicht reagieren.

Allerdings gibt es für Menschen mit einer so genannten erworbenen Hirnschädigung zu wenige Plätze in Spitälern und anderen Einrichtungen. Und zudem gibt es zu wenig ausgebaute Unterstützungsstrukturen für daheim. In der Öffentlichkeit wird aber darüber nicht viel geredet. Betroffene Menschen und ihre Familien sind ziemlich auf sich alleine gestellt.

Daher haben diese Menschen schon vor einiger Zeit begonnen, sich zu vernetzen. Sie haben verstanden: Wir müssen gemeinsam etwas verändern. Alleine schafft das niemand. Und dieses Treffen heute in Graz war eine weitere Vernetzung: Viele Menschen aus verschiedenen Bundesländern waren in Graz bei dem Treffen. Es waren selbst betroffene Menschen ebenso dabei wie zum Beispiel Angehörige, Pflegende und MedizinerInnen. Also: Betroffene Menschen und deren Alliierte (also Menschen, die unterstützen).

Alle zusammen haben ein Ziel: Etwas verändern, die Lage verbessern – im Sinne der Menschen, die von einer erworbenen Hirnschädigung betroffen sind. Sie wollen zeigen: Das sind viele Menschen. Und man darf diese Menschen nicht einfach vergessen. Die Gesellschaft muss anders mit diesen Menschen umgehen. Und die Politik ebenso. Denn ohne die Politik wird sich nichts ändern. Es muss Regelungen geben, die diese Menschen unterstützen helfen.

Und jetzt auf der Rückfahrt im Zug nach Wien habe ich mir gedacht: Ich brauche eigentlich wenig zum Glücklichsein:

Menschen, die etwas gerne und intensiv machen. Menschen, die für etwas eintreten. Menschen, die ihre Meinung sagen. So, wie ich das auch tue bei Themen, die mir wichtig sind.

Aber dann habe ich gedacht: Ist das wirklich wenig? Oder ist das nicht im Gegenteil sehr viel? Für mich selber habe ich eine Antwort gefunden: Es ist sehr viel. Es macht mich glücklich, so etwas zu erleben. Es gibt mir Kraft für meine eigene Arbeit.

Ganz im Sinne der Disability Studies, bei denen es nicht um bloßes Forschen geht. Sondern um das gleichzeitige Verändern der Welt (und damit meine ich nicht die ganze Welt, sondern auch kleine Teilbereiche des Zusammenlebens in der Gesellschaft). Ich will und kann nicht nur forschen um des Forschens Willen. Und das ist auch nicht der Sinn von Politikwissenschaft. Politikfeldanalysen, also das Untersuchen von politischen Inhalten, sollen anwendungs- und problemorientiert sein. Das bedeutet: Es gibt ein konkretes Problem. Und es geht um das Finden von Lösungen. Und damit um das Verändern der Welt.

Und wenn ich dann bei so einem Treffen wie heute bin, tanke ich neue Energie. Weil ich neue Argumente höre. Weil ich viel dazu lerne. Weil ich Menschen erlebe, die sich für etwas, was ihnen wichtig ist, einsetzen. Und weil sie nicht nur Probleme aufzeigen, sondern Lösungen suchen.

Und das macht mich glücklich. Sehr sogar.

Bist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach. Mein Text für die Kinderuni on tour-Vorlesung

Diesen Text habe ich heute (21.8.2015) Nachmittag bei der Kinderuni on tour mit Kindern/Jugendlichen besprochen.

Informationen zur Kinderuni on tour finden sich hier: https://www.kinderuni.at/kinderuniontour/kinderuni-on-tour-sei-dabei/kinderuni-on-tour-in-wien/

Ich wünsche Euch einen schönen Nachmittag!

Heute geht es um das ThemaBist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach

Aber bevor wir über dieses Thema reden, stelle ich mich zuerst kurz vor.

Mein Name ist Ursula. Ich unterrichte an der Universität Wien das Fach Politikwissenschaft. Politikwissenschaft bedeutet: Nachdenken über unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Ich arbeite dabei zum Thema Behinderung. Da geht es eben genau um unser Zusammenleben in der Gesellschaft – wie wir miteinander umgehen. In der Schule, im Park, überall. Und auch, wie wir über andere reden.

Noch eine wichtige Information: Bitte unterbrecht mich jederzeit und fragt oder ergänzt – aber bitte mit Aufzeigen und bitte nur zum Thema! Danke!

Kennt ihr Menschen mit Behinderungen? Wenn ja, erzählt mir bitte davon.

Man kann bei Menschen mit Behinderungen vor allem eines bemerken, was uns aber alle betrifft: Hindernisse – so genannte Barrieren – be-hindern Menschen.

Wenn zum Beispiel eine Rampe fehlt, weil nur Stufen da sind.

Oder wenn zum Beispiel alles sehr schwer verständlich geschrieben ist und eine Erklärung fehlt.

Ihr merkt sicher bereits alle: Das hat sehr viel mit dem Thema meiner heutigen Vorlesung hier im Park zu tun.

Behindert IST man NICHT, weil an einem etwas nicht funktioniert oder nicht stimmt. Behindert WIRD man, weil wir alle anderen uns nicht so verhalten, dass eben alle Menschen an der Gesellschaft teilhaben – also mitmachen – können.

Das sind eben genau diese Barrieren, diese Hindernisse. Die stehen manchen Menschen im Weg.

Kommen wir also zu den Schimpfworten, die ihr hoffentlich noch nie selber verwendet habt, die aber leider viele Menschen verwenden. Falls selber, dann hört bitte jetzt besonders gut zu.

„Bist du behindert? Oder auch: Bist du ein Spast?“

Was soll das eigentlich heißen? Was meint ihr damit, wenn ihr das sagt?

Man bewegt sich vielleicht anders. Oder man sieht, hört, denkt anders.

Aber was heißt ANDERS? Bewegen, denken, sehen, gehen alle anderen Menschen GLEICH?? NEIN!

Wenn zum Beispiel eine/einer von Euch einen Akzent beim Deutsch-Sprechen hat, ist er oder sie deshalb ein anderer Mensch? Wenn jemand von Euch die Note 5 in Mathematik hat, ist er oder sie deshalb ein anderer Mensch, über den man sich lustig machen darf und kann?

Sind das Gründe, Menschen als ANDERS zu bezeichnen, sie zu beleidigen, zu kränken, zu verletzen? NEIN! Denn wir alle sind eben sehr unterschiedlich. Es gibt nicht die einen, die alle gleich sind und die anderen, die anders sind.

Habt ihr schon einmal das Wort Inklusion oder das Wort Vielfalt gehört und wenn ja, was bedeuten diese beiden Worte?

Wir alle sollen friedlich und gut miteinander umgehen und zusammen leben. Das besagt das Wort Inklusion. Egal, wer oder wie man ist. Und Inklusion heißt, dass wir alle in unserer Vielfalt leben können sollen. Vielfalt bedeutet: Wir sind alle unterschiedlich. Wie fad wäre die Welt, wenn wir alle gleich wären!

Und was sind Vorurteile?

Vorurteile sind bestimmte Vorstellungen, die wir über einen anderen Menschen haben. Dass manche Menschen zum Beispiel glauben, Menschen mit Behinderungen sind schlechtere Menschen, weil irgend etwas anders ist.

Ich gebe Euch jetzt ein paar Beispiele, an denen ihr erkennen könnt, was Schimpfworte wie ‚Bist du behindert?’ eigentlich bedeuten:

Manche Menschen mit Behinderungen können im Kino oft nur ganz vorne den Film anschauen. Warum? Weil es in Kinos meistens viele Stufen gibt, die man mit einem Rollstuhl nicht benützen kann.

Manche Menschen mit Behinderungen können sich im Brandfall nicht retten und verbrennen, weil sie gehörlos sind und daher den Alarm nicht hören können. Warum? Es fehlen in vielen Häusern Lichtsignale.

Manche Menschen mit Behinderungen können niemals studieren, also auf die Universität kommen. Warum? Weil es Schulen gibt, die das dann nachher nicht ermöglichen. So genannte Sonderschulen, in denen man nicht sehr viel lernt.

Manche Menschen mit Behinderungen sind wegen eines Zahns, der weh tut, beim Zahnarzt und kommen dann ohne einen einzigen Zahn wieder heraus. Warum? Weil es ‚einfacher’ ist, alles auf einmal zu ‚erledigen’, wenn man jemandem erst lang erklären muss, was da gemacht wird.

Ich könnte da noch sehr viele andere Beispiele aufzählen.

Wichtig ist dabei:

Warum gibt es kaum Rampen, aber dafür so viele Stufen?

Warum gibt es kaum Lichtsignale, dafür aber viele Geräusche?

Warum gibt es kaum Schulen, die alle Kinder gut unterrichten, dafür aber immer noch viele Schulen, die Kinder schlecht ausbilden?

Warum gibt es kaum einfache Erklärungen zum Beispiel für medizinische Behandlungen, dafür aber viel komplizierte Begriffe?

Fällt Euch etwas auf?

Ich rede da nicht nur von Menschen mit Behinderungen. Ich rede von uns allen, von Euch allen!

Wenn Eure Mutter einkaufen geht oder mit dem Kinderwagen herum fährt, findet sie eine Rampe sicher gut.

Wenn ihr Kopfhörer aufhabt, dann findet ihr Lichtsignale zur Warnung sicher gut.

Wenn in Schulen auch auf Eure Muttersprache Rücksicht genommen wird oder darauf, dass ihr in Mathematik nicht so gut seid und mehr erklärt wird, findet ihr das sicher gut.

Wenn ihr zum Arzt geht und zum Beispiel Euren Verwandten etwas übersetzen sollt oder wenn ihr zur Ärztin geht und sie Euch etwas erklärt, findet ihr es sicher gut, wenn der Arzt/die Ärztin Worte verwendet, die ihr verstehen könnt.

Barrieren – Hindernisse betreffen uns ALLE! Was macht Euch, dich, uns also so grundsätzlich anders als Menschen mit Behinderungen?

NICHTS!

Was ich Euch bitte, ist folgendes: Wenn ihr in Zukunft Schimpfworte verwenden wollt, denkt bitte ZUERST nach, was ihr da sagt.

Wem tue ich damit weh? Wen beleidige ich?

Und stimmt das überhaupt, was ich da als Schimpfwort verwende?

Es ist die Aufgabe von UNS ALLEN, gut miteinander umzugehen. Niemand hat verdient, beleidigt zu werden. Das wollt ihr sicher auch nicht.

Und ich kann Euch versichern, man findet sehr leicht bei jedem Menschen – auch bei Euch allen und bei mir – etwas, womit man ihn oder sie beleidigen kann oder könnte. Aber das muss eben nicht sein und es soll auch nicht sein.

Und vor allem eines:

Wenn Euch so ein Schimpfwort das nächste Mal auf der Zunge liegt, denkt über die Beispiele nach! Behindert wird man, behindert ist man nicht.

Also ‚bringt’ es am Ende absolut gar nichts, diese Schimpfworte zu verwenden – außer, dass man eben jemandem weh tut, was schlecht ist.

Weil ihr damit nicht über einen Menschen redet, sondern aufzeigt, was in unserer Gesellschaft nicht funktioniert. Es gibt zu viele Hindernisse – Barrieren – die verhindern, dass alle Menschen mitmachen können. Helft lieber mit, die Hindernisse abzubauen.

Ich bitte Euch also, darüber nachzudenken, was wir jetzt besprochen haben.

Habt ihr Fragen zum Thema ‚Bist du behindert?! – Wir denken gemeinsam über Schimpfworte nach?

Ich wünsche Euch allen noch einen schönen verbleibenden Tag! Danke, dass ihr zugehört und mitgemacht habt!

Nächstes Jahr der Laufbewerb? Nein.

Seit Wochen beschäftigt mich dieser Satz: Nächstes Jahr versucht ihr dann vielleicht den Laufbewerb.

Wer das gesagt hat?

Die Sprecherin beim Internationalen Frauenlauf in Wien. Das war Ende Mai. Das hat sie beim Nordic Walking Bewerb gesagt (beim Nordic Walking; dazu schreibe ich seit 2016 unter ‚Zur Person‘ Texte) geht man schneller und benützt dabei besondere Stöcke. Die Stöcke unterstützen das Gehen).

Warum hat sie das gesagt?

Ich weiß es nicht. Denn ich verstehe eines nicht:

Warum kann jemand nicht anerkennen (akzeptieren): Ich will Nordic Walking machen, ich will nicht laufen. Ich mache Nordic Walking, weil ich das gut kann und weil es mir Spaß macht. Ich bin früher viel gelaufen, aber jetzt mache ich es nicht mehr. Warum, das ist meine Sache.

Und ja, ich bin langsamer als viele LäuferInnen. Das liegt in der Natur der Sache. Aber ich bin auch viel schneller als viele andere LäuferInnen. Beim Frauenlauf zum Beispiel wurde ich von 2723 Teilnehmerinnen beim Nordic Walking 24. Und im Vergleich zu den Läuferinnen habe ich 3700 von ihnen hinter mir gelassen.

Aber darum geht es nicht.

Ich bin zwar ehrgeizig und ich möchte für mich eine gute Zeit walken (also gehen). Ich setze mir ein Ziel (oft ein recht hohes und muss dann viel trainieren) und das will ich erreichen. Mein Ziel derzeit ist eine gute Zeit beim Halbmarathon (das sind 21 km) in der Wachau im September. Darauf freue ich mich: Nicht nur auf die 21 km. Vor allem auf die wunderschöne Landschaft.

Aber auch wenn ich nicht ehrgeizig wäre. Oder wenn ich ganz langsam walken (gehen) würde:

Warum sollte ich nächstes Jahr beim Frauenlauf laufen? Was ist besser am Laufen als am Walken – oder am Rollen? Was mir Spaß macht, welche Möglichkeiten ich habe oder was ich kann – darum geht es.

Ich finde es nicht gut, dieses ewige Vergleichen: Heuer walkst (gehst) du, nächstes Jahr kannst du vielleicht schon laufen. Nein. Laufen ist die Norm – so kommt das bei mir zumindest an. Und ich entspreche dieser Norm offensichtlich nicht (ich renne nicht verbissen wie viele LäuferInnen mit hochrotem Kopf und schaue aus, als ob ich gleich umfallen würde. Ich gehe schnell vor mich hin, schaue mir die Landschaft an, lächle und genieße die frische Luft).

Ich finde es nicht gut, dass ich mich ständig rechtfertigen muss. Viele Leute schauen mich mitleidvoll an, wenn ich sage, dass ich Nordic Walking mache. Ich kenne Leute, die Nordic Walking Stöcke haben, und sie nicht benützen, weil sie sich dafür schämen.

Und ja, es gibt Menschen, die walken (gehen) ganz langsam. Manche benützen die Stöcke nicht korrekt. Aber alle machen das, was sie wollen, was sie können und was geht. Sie sind an der frischen Luft, sie bewegen sich, sie tun, was ihnen Spaß macht. Und darum geht es.

Ich finde es traurig, dass sich viele andere Menschen darüber lustig machen. Wir haben so viele – schlecht oder gar nicht versteckte – Normen in unserer Gesellschaft. Und ich mag da nicht mitmachen. Es kränkt mich nicht und ich mache auch deshalb nichts anderes. Nur weil andere das abwerten.

Ich verstehe dabei nur eines nicht:

Wie wollen wir jemals eine inklusive Gesellschaft werden und danach leben? Wenn wir schon bei solchen unwichtigen Sachen wie meinem Nordic Walking nicht anerkennen können, dass es VIELE Fortbewegungsarten gibt?