Es war einmal

Es war einmal. So fangen viele Märchen an. Manche Märchen gehen am Ende gut aus. Das bedeutet: Es gibt noch Hoffnung!

Wir haben in Österreich seit einiger Zeit eine neue Regierung. Regierung bedeutet: Das sind wichtige Menschen. Diese Menschen sind für uns Menschen in Österreich da. Sie machen Politik für uns alle. Das heißt: Sie machen die Regeln für unser Zusammenleben.

Diese neue Regierung hat vor allem ein Ziel im Wahlkampf gehabt. Wahlkampf bedeutet: Das ist die Zeit vor der Wahl. Da stellen sich Menschen hin und erzählen uns, wie sie sich die Gesellschaft vorstellen. Eine Wahl ist der Tag, an dem wir uns für eine Partei und/oder eine Person entscheiden. Wir geben dieser Partei oder Person die Stimme, also: wir wählen sie. In einer Partei sind Menschen, die ähnliche Gedanken (Ansichten) zu bestimmten Themen haben.

Was war also das eine Ziel der neuen Regierung im Wahlkampf?

Das eine Ziel im Wahlkampf war Sicherheit. Sicherheit bedeutet: Nichts ist gefährlich für uns. Es gibt keine Gefahren für uns.

Im Wahlkampf wurde Sicherheit aber mit einem anderen Thema verbunden. Das bedeutet: Man hat über Sicherheit geredet. Aber man hat etwas ganz Bestimmtes gemeint: Man hat Menschen gemeint. Und zwar Menschen, die von woanders her nach Europa und Österreich kommen (also so genannte ‚fremde Menschen’). Diese Menschen nennt man MigrantInnen. Und man nennt sie Asyl suchende Menschen. Asyl bedeutet: In der eigenen Heimat geht es einem nicht gut. Man wird dort sehr schlecht behandelt. Daher muss man aus der Heimat weg. Und man sucht dann ein anderes Land. Wo man gut behandelt wird.

Im letzten Wahlkampf ging es also um ‚fremde Menschen’ – Menschen, die woanders her sind. Und es ging darum: Diese Menschen sind für uns gefährlich. Sie sind schlecht für unsere Sicherheit. Das wurde uns immer wieder gesagt. Und es wurde uns auch gesagt: Diese Menschen sind auch schlecht für unser ganzes Leben. Weil sie Geld kosten. Und wenn diese Menschen Geld kosten, bleibt weniger Geld für uns hier in Österreich übrig. Es ging also um die soziale Sicherheit. Soziale Sicherheit bedeutet: Nichts gefährdet meine Unterstützungsleistungen, wenn ich welche brauche.

So.

Und jetzt haben wir diese neue Regierung. Aber diese neue Regierung braucht gar keine ‚fremden Menschen’, damit es uns schlecht(er) geht. Das schafft diese Regierung ganz von alleine. Weil diese Regierung Geld ausgibt. Und zwar nur für bestimmte Menschen. Aber nicht für uns alle.

Gestern (Montag, 19. Februar 2018) konnten wir überall lesen:

Die Regierung hat kein Geld für das so genannte Erwachsenenschutzgesetz. Das ist ein sehr wichtiges Gesetz. In diesem Gesetz steht: Ich als Mensch mit Behinderungen treffe die Entscheidungen selber. Ich sage, was ich will und was ich brauche. Und es gibt dann Menschen, die mich bei der Entscheidung unterstützen. Das ist sehr wichtig. Nicht jemand anderer entscheidet für mich. Ich entscheide selbst! So steht es auch in der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Und diese UN Konvention gilt in Österreich! Das ist etwas sehr Wichtiges für alle Menschen: Selbst entscheiden können und dürfen!

Und jetzt geht diese Regierung einfach her und sagt: Ja leider. Letztes Jahr haben wir das Gesetz noch super toll gefunden. Jetzt haben wir aber leider kein Geld dafür. Und jetzt verschieben wir es einfach. Bis dahin entscheidet ‚einfach’ noch jemand anderer für mich als Mensch mit Behinderungen. Und ich kann nicht selbst entscheiden.

So ‚einfach‘ denkt sich das die Regierung. Aber das ist eine ganz arge Sache! Warum?

Weil das gegen Menschen ist.

Weil es gegen Menschenrechte ist (das sind Rechte, die jede/r hat, weil er/sie ein Mensch ist).

Weil es gegen Selbstbestimmung ist.

Und weil es daher gegen die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist.

Das bedeutet: Man geht sehr schlecht mit Menschen mit Behinderungen um. Und außerdem ist einem egal, was man eigentlich hier in Österreich machen muss: Nämlich die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen umzusetzen!

Wer, bitte, sind für diese Regierung Menschen mit Behinderungen?

Sind das Menschen, bei denen man einfach so Geld sparen kann? Und ja, leider. Die Antwort ist ganz offensichtlich (also klar): Ja! Weil es der Regierung offensichtlich egal ist, wie es Menschen mit Behinderungen geht.

Und ich sehe hier weit und breit keine ‚fremden Menschen’, die an dieser Sache ’schuld‘ sind. Was ich aber sehe ist: Eine Regierung, die Menschen ihre Rechte wegnimmt. Und das geht einfach nicht!

Es war einmal. So fangen viele Märchen an. Manche Märchen gehen am Ende gut aus. Ich hoffe hier und heute: Diese Regierung muss sich gut überlegen, was sie uns erzählt. Sie soll uns nicht erzählen: Die ‚fremden Menschen’ nehmen uns hier in Österreich das Geld weg. Denn diese Regierung nimmt uns Menschen hier in Österreich einfach selber das Geld weg. Und damit macht sie das Leben von Menschen mit Behinderungen schlechter.

Das kann es einfach nicht sein. Und daher hoffe ich auf ein gutes Ende dieser Geschichte.

 

 

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Das ist absurd. Das bedeutet: Das ist wirklich ein Unsinn und sinnlos!

Ich schreibe diesmal aus zwei Gründen. Und diese beiden Gründe hängen zusammen.

Erstens schreibe ich über meine Erlebnisse als Mutter einer Schülerin. Unsere jüngere Tochter besucht die letzte Klasse, also die 8. Klasse. Bald wird sie Matura machen. Matura bedeutet: Das ist die letzte Prüfung am Ende der Schulzeit. Nach dieser Prüfung ist sie mit der Schule fertig.

Und zweitens schreibe ich als Lehrerin an einer Universität. Eine Universität ist eine Schule für Erwachsene. Nach der Matura darf man die Universität besuchen.

In letzter Zeit habe ich viel Unerfreuliches gelesen.

Studierende müssen oft Aufgaben machen. Manche dieser Aufgaben sind Texte, die jemand schreiben muss. Dafür muss man viel lesen. Und man muss viel nachdenken. Das dauert manchmal recht lange. Aber vielen Studierenden dauert das zu lange. Dann lassen sie sich die Arbeit einfach von jemandem schreiben. Das nennt man Ghostwriting. Das ist ein englisches Wort. Es bedeutet: Jemand anderer (ein so genannter Ghost, also Geist) schreibt einen Text für mich. Ich darf dann aber meinen Namen nicht auf den Text schreiben. Das ist verboten. Trotzdem machen es viele Menschen. Warum? Weil man schwer beweisen kann, dass es jemand anderer geschrieben hat.

Als Lehrerin an der Universität mag ich Ghostwriting natürlich überhaupt nicht. Studierende sollen selber schreiben lernen. Es ist den anderen Studierenden gegenüber außerdem unfair. Studentin A schreibt es selber und strengt sich an; Student B lässt sich den Text schreiben. Er strengt sich nicht an, bekommt aber am Ende die bessere Note. Weil sein Ghostwriter gut schreiben kann. Das ist unfair.

Was hat das jetzt mit der Schule zu tun?

Viel. Und jetzt wird es noch unerfreulicher.

In der Schule herrscht große Angst vor dem Ghostwriting. Und an sich ist das sehr gut so! ABER: Das führt zu absurden (also wirklich sinnlosen) Dingen!

Unsere Tochter durfte uns in der Abschlussarbeit nicht erwähnen. Also: Sie durfte zum Beispiel nicht schreiben, dass sie ihren Eltern für das Durchlesen der Arbeit dankt. Weil dann nämlich die Schule sagen könnte: Das hast du ja nicht selber geschrieben!

Und wozu hat das geführt?

Sie hat die Arbeit bei ihrer Lehrerin abgegeben. Dann erst durften wir sie lesen. Gut, sie wollte das Ganze sowieso alleine schreiben. Aber gerade ich unterstütze sehr viele StudentInnen beim Schreiben. Ich kann das gut. Ich kann jemanden beim Schreiben unterstützen. Unterstützung heißt dabei NICHT: Jemand anderer macht es für mich. Unterstützung heißt: Ich mache es. Und wenn ich Unterstützung brauche, frage ich nach.

Ich denke: Die SchülerInnen lernen da etwas komplett Verkehrtes! Sie lernen: Nur keine Unterstützung holen! Lieber alles alleine machen. Sonst bekomme ich Probleme.

Aber sie lernen NICHT: Unterstützung ist wichtig! Ich kenne meinen Text. Ich schreibe ihn. Ich merke aber dann gar nicht mehr, wenn zum Beispiel etwas Wichtiges im Text fehlt. Aber so etwas merkt ein anderer, der meine Arbeit liest. So etwas nennt man Feedback geben. Das ist auch ein englisches Wort. Es bedeutet: Jemand sagt mir seine Meinung zu meinem Text.

Überall auf der Universität lernen Studierende: Holt Euch Feedback! Holt Euch Unterstützung! Und in der Schule lernen sie genau das Gegenteil!

Unterstützung zu bekommen ist wichtig. Klar muss ich es selber schreiben. Ghostwriting ist sehr schlecht. Aber Unterstützung und Feedback holen ist wichtig. Wenn SchülerInnen davor Angst haben, frage ich mich: Wie sollen sie dann an der Universität wieder das Gegenteil lernen?

Das ist einfach wirklich ein Unsinn. Es ist einfach absurd.

 

 

 

 

Die Abschlussrunde: Überlegungen zur Zukunft statt zum Heute

Vor kurzem war ich wieder einmal bei einer Podiumsdiskussion dabei.

Eine Podiumsdiskussion bedeutet: Einige Menschen sitzen auf einem Podium zusammen. Ein Podium bedeutet: In einem Raum ist eine (etwas) höhere Fläche. Und dort sitzen dann diese Menschen und reden miteinander. Diese Menschen reden dann über ein bestimmtes Thema. Weil sie dazu selber etwas erlebt haben oder erleben. Weil sie dazu forschen. Oder auch, weil sie einfach viel über dieses Thema wissen. Zuerst reden dann meistens diese Menschen am Podium miteinander (manchmal streiten sie dort auch). Dann wird die Diskussion geöffnet. Das heißt: Alle aus dem Publikum dürfen dann Fragen stellen und mitreden. Und dann gibt es am Ende einer Podiumsdiskussion meistens eine so genannte Abschlussrunde.

Eine Abschlussrunde bei einer Podiumsdiskussion ist wichtig. So eine Abschlussrunde ist eine Art Zusammenfassung der Diskussion. Zusammenfassung bedeutet: Es wird nochmals das Thema besprochen. Was haben die einzelnen Menschen am Podium dazu gesagt? Was bleibt an Fragen offen? Was konnte besprochen werden? Da sagen dann alle Menschen am Podium nochmals: Das und das ist mir wichtig, wenn es um dieses Thema geht. Und der/die so genannte Moderator/in fasst mit seinen/ihren Worten das zusammen, was die anderen gesagt haben. Moderator/in bedeutet: Das ist einer der Menschen am Podium. Diese Person leitet die Diskussion und stellt den anderen Menschen am Podium Fragen.

Oft wird eine Abschlussrunde in einer ganz bestimmten Weise gemacht – dann fragt der/die Moderator/in die anderen Menschen am Podium: Was soll in zehn, fünfzehn Jahren anders sein in Bezug auf das Thema? Was muss/soll sich also ändern? Was kann so bleiben, wie es ist? Das ist wichtig. Denn wir alle müssen immer überlegen: Wie gehen wir heute bestimmte Themen an? Wie sind wir sie früher angegangen? Aber auch: Wie können wir diese Themen in Zukunft angehen? Wohin kann oder wird sich das bestimmte Thema also entwickeln? Das sind wichtige Gedanken.

Aber mindestens ebenso wichtig ist: Bei einer Podiumsdiskussion zu einem Thema muss vorher gut nachgedacht werden: Wie sieht das Thema eben heute aus? Welche Probleme und Herausforderungen gibt es? Erst wenn das wirklich gut und ausführlich besprochen wurde, sollte man sich der Zukunft zuwenden. Die Abschlussrunde mit einem Blick in die Zukunft hat also einen Sinn – aber nur dann, wenn vorher das Heute gut besprochen und diskutiert wurde.

Ich war also vor kurzem bei einer Podiumsdiskussion dabei.

Da ging es um ein sehr wichtiges Thema: Es ging um das Thema Behinderung. Es ging um die negativen (also schlechten) Haltungen gegenüber Menschen mit Behinderungen. Es ging um die Ängste, die viele Menschen haben, wenn sie an Behinderung denken. Und es ging um die Frage: Soll ein Kind mit Behinderungen geboren werden oder nicht?

Eines wurde bei der Podiumsdiskussion schnell klar: Alle Menschen am Podium finden die negativen Haltungen Menschen mit Behinderungen gegenüber sehr schlecht. Alle Menschen am Podium sind sich einige: Ein Leben mit Behinderung kann genauso wie ein Leben ohne Behinderung ein schönes oder aber ein weniger schönes Leben sein. Das hängt nicht von der Behinderung ab!

Und eines wurde bei der Podiumsdiskussion aber auch schnell klar: Die Menschen am Podium wollen, dass sich diese Haltungen ändern. Aber sie denken zu wenig darüber nach: Wie kann ich das konkret und selber ändern? Was kann ich dazu beitragen? Bei der Podiumsdiskussion ging es ganz viel um Österreich als Land und um die Bundesländer in Österreich. Und es ging darum, was alles im Bund und den Ländern nicht getan wird, um das negative Bild von Behinderung zu verändern. Aber niemand sprach dabei wirklich deutlich an: Ich muss bei mir ansetzen! Und ich muss viel mehr dort ansetzen, wo ich arbeite.

Wenn wir darauf warten, dass andere etwas ändern, werden wir lange warten. Und wir sind dann auf andere angewiesen: Wenn diese anderen Menschen nichts ändern, ändert sich halt einfach nichts.

Das ist nicht gut. Und es ist vor allem dann nicht gut, wenn es dann eine Abschlussrunde gibt. Und wenn in dieser Abschlussrunde dann über die Zukunft geredet wird – wo es doch so viele offene Fragen im Heute (in der Gegenwart) gibt.

Mich hat das frustriert (frustriert bedeutet: ich bin enttäuscht, ich bin traurig über etwas). Deshalb habe ich dann in der Abschlussrunde gesagt: Wenn in zehn Jahren ‚bloß’ die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen umgesetzt ist, bin ich zufrieden! Dazu habe ich gesagt: Ich weiß. Das ist zynisch. Zynisch bedeutet: Ich mache mich über etwas lustig. Ich weiß: In Österreich ist es noch ein extrem langer Weg, bis die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen umgesetzt sein wird.

Wie können wir über die Zukunft reden und viel zu wenig über die Gegenwart? Es gibt die Probleme und Herausforderungen im Hier und Heute! Wenn wir nicht heute an der Umsetzung der UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen arbeiten, wird sie morgen auch nicht umgesetzt sein! So viele von uns arbeiten im Bereich Behinderung als Menschen mit Behinderungen selbst wie auch für Menschen mit Behinderungen. Können wir bitte endlich alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich etwas ändert? Und nicht nur andere in die Pflicht nehmen (das bedeutet: ich will, dass jemand anderer etwas tut und etwas ändert)? Und nicht nur über die Zukunft nachdenken?

Über die Zukunft nachdenken – das ist wichtig! Aber die Zukunft ist das Resultat (also das Ergebnis) der Gegenwart. Wir müssen also an der Gegenwart arbeiten. Wir müssen die Gegenwart ändern. Denn sonst ist die Zukunft anders, als wird das wollen. Ja. Die Haltungen Menschen mit Behinderungen gegenüber sind nach wie vor negativ. Und wenn wir sagen: Der Bund und die Länder, die PolitikerInnen, die BeamtInnen sollen die Haltungen Menschen mit Behinderungen gegenüber ändern – was tun wir dann? Wir warten, dass andere sich ändern und dass sie etwas ändern. Das finde ich ganz schlecht.

Die Abschlussrunde und die Podiumsdiskussion hat mir das vor kurzem wieder deutlich gezeigt: Forderungen sind wichtig! Forderung bedeutet: Ich sage, was mir wichtig ist. Was sich zum Beispiel in Bezug auf das Thema Behinderung ändern muss. Wir dürfen nicht auf das Handeln der anderen warten – wer immer ‚die anderen’ dann auch sind.

Mir ist klar: Alleine unser Handeln wird niemals ausreichen. Aber wir müssen Forderungen stellen. Wir müssen lästig sein. Wir müssen immer wieder sagen: Das Thema Behinderung ist wichtig. Das Thema Behinderung geht uns alle als Gesellschaft an. Das Thema Behinderung muss endlich ernst genommen werden. Die Rechte von Menschen mit Behinderungen müssen endlich ernst genommen werden.

Was passiert, wenn wir auf das Handeln von anderen warten und wenig oder sogar gar nichts selber tun? Ich befürchte, dann warten wir bis in alle Ewigkeit.

Rückblick auf 10 Jahre ANED (Akademisches Netzwerk europäischer BehinderungsforscherInnen)

ANED bedeutet Akademisches Netzwerk europäischer BehinderungsforscherInnen. Das heißt: ANED ist eine große Gruppe von Menschen. Diese Menschen kommen aus ganz Europa. Und diese Menschen forschen gemeinsam zum Thema Behinderung.

Seit dem Jahr 2008 gibt es jedes Jahr mehrere Berichte (das sind lange Texte) von ANED. In diesen Berichten geht es um das Thema Behinderung. Bei ANED sind 35 Länder dabei. Und es gibt jedes Jahr für jedes Land mehrere Berichte. Und dann gibt es auch noch andere Berichte: In diesen Texten wird dann alles aus den 35 Ländern zusammengefasst. Da steht dann: So sieht es in Europa beim Thema Behinderung aus.

Alle diese Berichte haben verschiedene Themen. Zum Beispiel gibt es da Berichte zu Armut von Menschen mit Behinderungen, zu Barrieren (also Hindernissen), zu Selbstbestimmtem Leben und auch zu Arbeit und Beschäftigung.

Warum schreibt ANED diese Berichte?

Weil es viele Menschen mit Behinderungen in Europa gibt. Und weil das Leben von Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist. ANED schaut nach und überwacht (das nennt man Monitoring), wie es Menschen mit Behinderungen in Europa geht. Und ANED sagt dann: Hier geht es Menschen mit Behinderungen gut oder besser. Und dort geht es Menschen mit Behinderungen schlechter geht. Das nennt man Evaluierung.

ANED macht das nicht einfach so. Sondern ANED hat einen Auftrag für diese Berichte.

Dieser Auftrag kommt von der so genannten Europäischen Kommission. In der Europäischen Kommission sind viele Menschen angestellt; und diese Menschen erfüllen bestimmte Aufgaben (die Europäische Kommission ist dabei so etwas Ähnliches wie eine Regierung der Europäischen Union). Die Europäische Union besteht aus 28 (bald 27) Ländern in Europa. Für die Europäische Kommission ist das Thema Behinderung wichtig. Deshalb forscht ANED nun seit 10 Jahren zum Thema Behinderung.

ANED ist eine Gruppe von verschiedenen Menschen. Diese Menschen sind ForscherInnen. ForscherIn bedeutet: Ein Mensch denkt lange über ein Thema nach. Dieser Mensch beschäftigt sich lange mit einem Thema. Dieser Mensch liest viel zu diesem Thema. Und dann schreibt dieser Mensch einen Text (also einen Bericht).

Viele von diesen ForscherInnen bei ANED sind selbst Menschen mit Behinderungen.

Das heißt: Diese ForscherInnen wissen selbst über die vielen Barrieren (Hindernisse) Bescheid. Sie werden durch diese Hindernisse selbst be-hindert. Das ist wichtig für ANED. Diese Art von Forschung nennt man Disability Studies, auf Deutsch Behinderungsforschung.

Behinderungsforschung bedeutet: Menschen mit Behinderungen forschen selbst. Sie werden nicht bloß von anderen Menschen beforscht. Das ist wichtig. Denn nur so wird klar: Diese und jene Barrieren gibt es.

ANED macht diese Forschung nun also seit bereits 10 Jahren. Und heuer gab es dazu in Brüssel ein Treffen. Dort wurden auf diese 10 Jahre zurück geblickt:

Was hat ANED bisher erreicht?

Was hat ANED bereits erforscht?

Was muss ANED noch erforschen?

Ich bin sehr froh und stolz, dass ich schon recht lange bei ANED dabei bin. Früher habe ich nur mitgearbeitet. Und seit einiger Zeit leite ich den österreichischen Teil von ANED (ich bin die so genannte Kontaktperson für Österreich). Und ich arbeite immer noch an den Berichten mit. Da lerne ich sehr viel über Österreich. Und ich lerne auch sehr viel über andere Länder in Europa und über die Europäische Union.

Wir treffen uns jedes Jahr einmal im November in Brüssel. Dann besprechen wir die Arbeit für das nächste Jahr. Und wir besprechen das, was wir im laufenden Jahr gemacht haben.

Das Treffen heuer in Brüssel zum Rückblick auf die letzten 10 Jahre ANED war besonders aufregend: 10 Jahre. Das ist eine lange Zeit! Und wir haben viel weiter gebracht. Wir haben viele wichtige Berichte geschrieben. Wir haben geschaut, wie es Menschen mit Behinderungen in Europa geht. Und wir haben nachgedacht: Was müssen wir in der nächsten Zeit tun? Was müssen wir erforschen?

Schnell ist uns eines klar geworden: Es gibt noch viel zu erforschen! Damit sich das Leben von Menschen mit Behinderungen insgesamt in Europa verbessert. Und damit sich das Leben von Menschen mit Behinderungen in einzelnen Ländern verbessert.

Wichtig ist für unsere Arbeit in der nächsten Zeit: PolitikerInnen und BeamtInnen in Europa müssen viel öfter daran denken: Menschen mit Behinderungen werden oft ‚vergessen’.

Oft wird über so genannte ‚vulnerable Gruppen’ gesprochen – das sind Menschen, denen es nicht so gut in der Gesellschaft geht. Diese Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie werden schlecht behandelt. Oft vergisst man sogar auf sie. Menschen mit Behinderungen werden oft dazu gezählt. Und es stimmt leider: Menschen mit Behinderungen werden oft vergessen, wenn es um Politik geht. Zum Beispiel denken viele Menschen über den Arbeitsmarkt nach, weil es viele Menschen ohne Arbeit gibt. Dabei gibt es besonders viele Menschen mit Behinderungen ohne Arbeit! Aber das vergessen viele Menschen leider immer noch!

Damit Menschen mit Behinderungen nicht vergessen werden, muss es so genanntes Disability Mainstreaming geben. Disability Mainstreaming bedeutet: Behinderung (das heißt auf Englisch Disability) ist wichtig und alle müssen/sollen darüber reden. Dann denken alle zum Beispiel beim Thema Arbeit sofort daran: Es gibt viele arbeitslose Menschen. Und sehr viele Menschen mit Behinderungen sind arbeitslos. Was können genau wir dagegen tun?

Aber neben Mainstreaming ist noch etwas anderes in der Politik wichtig: Policy Targeting. Das sind englischsprachige Worte. Das bedeutet: Policy ist ein politischer Inhalt/ein bestimmtes Thema. Targeting bedeutet: Man beschäftigt sich mit bestimmten Menschen. Zum Beispiel eben mit Menschen mit Behinderungen. Man denkt über den bestimmten Bedarf von Menschen mit Behinderungen nach.

Targeting und Mainstreaming gemeinsam bedeutet: Politik muss sich mit Menschen mit Behinderungen speziell und direkt beschäftigen. Aber Politik muss zugleich in allen Bereichen immer das Thema Behinderung mitdenken. Das bedeutet wiederum: Es muss bestimmte Unterstützung ausdrücklich für Menschen mit Behinderungen geben. Und bei allen politischen Maßnahmen (zum Beispiel, wie man arbeitslosen Menschen Arbeit geben kann) für Menschen müssen Menschen mit Behinderungen auch wichtig sein.

Das ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben für uns bei ANED für die nächste Zeit. Wir müssen klar machen: Politik darf Menschen mit Behinderungen nicht vergessen und muss Menschen mit Behinderungen immer mitdenken!Und Politik muss auf den Bedarf von Menschen mit Behinderungen Rücksicht nehmen!

Wir haben also bei ANED noch viel zu tun. Ich freue mich darauf. Das ist eine wichtige Arbeit!

Wenn Sie sich für unsere Arbeit bei ANED interessieren (was ich hoffe ;-):

(Leider nur) auf Englisch kann man ANED hier nachlesen: www.disability-europe.net

Angebot und Nachfrage. Ghostwriting für Studierende

Ghostwriting bedeutet: Ein Mensch schreibt für einen anderen Menschen einen Text. Warum? Es gibt viele Gründe: Manche Menschen sind zu faul zum Selber-Schreiben. Und manche Menschen wissen zu wenig zum Selber-Schreiben. Also lassen sie jemanden anderen den Text schreiben. Dieser Text kann unterschiedlich lang sein. Es kann ein ganz kurzer Text sein (eine Antwort auf eine Prüfungsfrage; bei einer Prüfung wird man etwas gefragt und muss antworten) und der Text kann ganz lang sein (eine Abschlussarbeit; das ist eine Arbeit, die man schreiben muss; dann bekommt man eine Note darauf).

Wieder einmal reden viele Menschen über das Ghostwriting bei uns am Institut für Politikwissenschaft.

Politikwissenschaft bedeutet: Wir denken über das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft nach. Und wir denken über die Regeln für dieses Zusammenleben nach. Aber manchmal denken Studierende darüber nicht selber nach.

Sie lassen dann eine Arbeit einfach von jemandem anderen schreiben. Das ist verboten.

Leider nicht verboten ist aber, dass ein Mensch sagt: OK, gerne, ich schreibe dir einen Text. Du zahlst mir etwas (gar nicht so wenig!) dafür. Und ich gebe dir dafür einen Text. Auf den Text bekommst du dann eine Note. Und du musst nichts selber dafür tun!

Viele Menschen nehmen dieses Angebot leider an. Sie sind faul oder sie wissen nichts. Und sie wollen nichts lernen. Aber sie wollen gerne ein Studium (Studium bedeutet: ich lerne an einer Universität etwas; eine Universität ist eine Schule für Erwachsene) abschließen. Aber sie wollen selber nicht viel dafür tun.

Das finde ich ganz schlimm!

Aber ich finde es auch schlimm, dass andere Menschen eben Ghostwriting anbieten!

Beide Menschen – der/die es anbietet und der/die das Angebot nutzt – haben eines nicht verstanden: Studieren ist Lernen! Studieren bedeutet Nachdenken! Studieren bedeutet: Ich denke nach!

Gerade wieder reden also viele Menschen über die Politikwissenschaft an der Universität Wien. Einige Menschen fragen: Wieso tun wir als Lehrende (Lehrende bedeutet: Das sind die Menschen, die anderen Menschen etwas beibringen) nichts gegen Ghostwriting?

Was, bitte, sollen wir tun?

Ghostwriting kann ich sehr schwer nachweisen. Ich kann mit einem Studenten/einer Studentin reden. Dann merke ich: Er/Sie hat keine Ahnung von der Abschlussarbeit. Dann kann ich sagen: Ich denke, dass ist ein Text von jemandem anderen. Aber ich kann es nicht sicher sagen. Ich kann es nur vermuten (es mir also denken).

Und genau das wissen die Menschen, die das Ghostwriting anbieten. Und das wissen die Menschen, die sich ihre Texte schreiben lassen. Und deshalb passiert Ghostwriting. Weil es keine Möglichkeit für mich als Lehrende gibt, es sicher nachzuweisen.

Was für ein Bild von Studium haben alle diese Menschen? Was für ein Bild von Lernen haben diese Menschen? Ich kann das nicht verstehen.

Ich muss mich aber jedenfalls darüber ärgern.

Ich weiß: Oft schreibe ich Kommentare (das bedeutet: ich schreibe einen Text; darin steht: Was ist gut geschrieben, was ist schlecht geschrieben?) an Ghostwriter. Die interessiert das aber gar nicht. Und die Studierenden interessieren meine Kommentare auch nicht. Die haben sich den Text ja schreiben lassen. Weil sie faul sind oder nichts wissen. Und nichts lernen wollen.

Kommentare kosten viel Zeit. Aber Kommentare sind wichtig. Denn nur durch Kommentare lernt man etwas dazu. Man weiß dann: Das ist an einem Text gut. Das ist an einem Text weniger gut. Wenn ich nun einen Text von einem Ghostwriter kommentiere, weiß ich: Das ist enorme Zeitverschwendung!

Und abgesehen davon nochmals: Denken alle diese Menschen nach, was sie da tun?

Sie schaden sich selbst damit. Denn sie lernen nichts dazu.

Und sie schaden anderen. Denn andere Studierende schreiben ihre Arbeiten selbst. Und die werden benotet. Und oft ist das dann eben eine nicht so gute Note. Und ein/e andere/r StudentIn lässt es sich schreiben. Und er/sie bekommt dann eine gute Note. Das ist unfair. Und es zerstört am Ende den Arbeitsmarkt. Viele Studierende werden mit dem Studium fertig. Und sie haben sich die Arbeiten schreiben lassen. Sie haben es nie selber geschrieben.

So etwas ist unethisch. Das heißt: so etwas tut man nicht. Und so etwas ist extrem unsozial. Das heißt: Ich schade anderen Menschen damit.

Ich weiß: Wenn etwas verboten ist, tun es Menschen trotzdem. Aber ich glaube: Das Ghostwriting muss verboten werden. Es muss klar sein:

Angebot (dass jemand jemandem anderen einen Text schreibt) und Nachfrage (dass sich jemand einen Text schreiben lässt) von Ghostwriting sind nicht ok!

Dann denken die Studierenden vielleicht nach. Und dann schreiben sie vielleicht doch ihre Texte selber. Das ist wichtig! Nur so lernt man etwas!

Wir müssen reden: Über Bildung.

Immer wieder höre ich mir im Radio den so genannten Mikromann an. Da stellt ein Mann Fragen. Und verschiedene Menschen antworten auf diese Fragen. Manchmal merkt man an den Antworten: Die Leute hören nicht zu, wenn sie etwas gefragt werden. Und manchmal merkt man an den Antworten: Die Leute wissen einfach ganz viel nicht. Auch wenn es ganz einfache Fragen sind, antworten sie oft komplett falsch.

Jedes Mal denke ich dann über diese Antworten nach, wenn ich den Mikromann im Radio höre. Dann denke ich zuerst: Das ist erschreckend, dass so viele Leute so viel nicht wissen. Und oft denke ich mir danach: Na ja, es sind gar nicht so viele Leute. Es sind halt die wenigen Leute, die dem Mikromann eine Antwort geben.

Aber dann denke ich weiter. Ich denke dann über Bildung nach. Bildung bedeutet viele verschiedene Dinge. Aber Bildung bedeutet grundsätzlich: Ich erfahre und lerne etwas. Ich eigne mir also Wissen an. Ich weiß dann über Dinge Bescheid. Ich kann Dinge erklären. Ich kann Dinge einordnen. Ich verstehe, was bestimme Dinge bedeuten.

Viele Menschen haben eine allgemeine Bildung. Das heißt, sie wissen über viele Dinge zumindest ein wenig Bescheid. Manche Menschen haben eine spezielle Bildung. Das heißt, sie verstehen bestimmte Dinge besonders gut. Weil sich zum Beispiel viel darüber nachgedacht und gelesen haben. Und dann gibt es Menschen, die haben keine Bildung. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein: Manche Menschen wollen sich nicht bilden; sie denken, dass man das nicht zum Leben braucht. Manche Menschen glauben von sich, dass sie gebildet sind, sind es aber nicht. Und manche Menschen würden sich gerne bilden, aber sie können oder dürfen es nicht – zum Beispiel, weil die anderen denken, dass das jemand nicht kann. Bei vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Beispiel wird das oft behauptet: Die können sich ja nicht bilden. Bildung ist bei denen umsonst. Daher bringen wir ihnen auch nicht wirklich etwas Grundlegendes bei.

Wenn ich also die Antworten beim Mikromann höre, denke ich an die vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten, die ich kenne. Und dann denke ich mir:

Wer, bitte, teilt uns Menschen in solche Gruppen ein?

Warum gibt es DIE Menschen mit Lernschwierigkeiten, DIE Menschen mit Behinderungen, und dann die angeblich sehr große Gruppe der Menschen ohne Behinderungen?

Erstens: Das sind das keine einheitlichen Gruppen (bei denen alle Menschen gleich sind). Sondern das sind Menschen, die von uns in der Gesellschaft in bestimmte Gruppen eingeordnet werden. Diese Menschen sind aber sehr unterschiedlich.

Zweitens: Wieso glauben wir, dass alle Menschen ohne Behinderungen so ganz anders sind als alle Menschen mit Behinderungen? Wer sagt, dass alle Menschen ohne Behinderungen gleich sind? Das sind sie nicht. Menschen ohne Behinderungen sind genauso unterschiedlich wie Menschen mit Behinderungen.

Worauf ich hinaus will – was ich also meine: UNS ALLEN tut Bildung gut!!

Der Mikromann zeigt uns das nur zu deutlich: Es gibt sehr viele Menschen, die einfach viel zu wenig wissen und die falsche Antworten geben. Und die sich nicht nachfragen trauen. Beim Mikromann fällt mir immer wieder auf: Niemand fragt nach. Ist es peinlich nachzufragen? Was ist daran peinlich? Ist es nicht viel peinlicher, eine falsche Antwort zu geben?

Wenn ich bei einem Vortrag in Schwerer Sprache rede, höre ich oft die Frage aus dem Publikum: Was heißt das, was bedeutet das? Wie heißt das in Einfacher Sprache? Dieses Nachfragen ist sehr wichtig. Nur so können wir Dinge verstehen lernen und uns Wissen aneignen. Und die Menschen mit Lernschwierigkeiten, die ich kenne, tun genau das. Sie fragen nach. Und sie bilden sich dadurch.

Derzeit streiten immer noch viele Menschen über die Abschaffung der Sonderschulen. Viele Menschen behaupten: Wir brauchen Sonderschulen. Obwohl sie es besser wissen: Die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sagt klar, dass Sonderschulen weg müssen. Und allen ist klar: In Sonderschulen lernt man kaum etwas Grundlegendes.

Ich kenne viele Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und alle diese Menschen, die ich kenne, haben tatsächlich eines gemeinsam: Sie sind alle wissbegierig. Sie wollen etwas lernen, etwas wissen. Und sie fragen nach, wenn sie etwas nicht verstehen. (und falls das jetzt jemand gerne absichtlich falsch verstehen möchte: Das ist NICHT das Gute an Sonderschulen, dass man dort nichts lernt und dann umso wissbegieriger in die Welt geht; sondern das liegt an den wissbegierigen Menschen selbst!)

Wie können wir Menschen, die lernen wollen, dieses Recht einfach so wegnehmen? Nur, weil wir glauben, dass diese Menschen anders sind? Und wer sagt dass mit welchem Argument (mit welcher Begründung)?

Nach einer Mikromann-Sendung sagen Leute gerne: Na ja, das sind ein paar Menschen, die einfach ungebildet sind und nichts wissen. Das Problem dabei ist: Diese Menschen werden zu den Menschen ohne Behinderungen gezählt. Bei denen ist es ok, (manchmal) nichts zu wissen. Menschen mit Behinderungen (vor allem jenen mit Lernschwierigkeiten) wird dieses Recht nicht gegeben – wir lassen sie einfach von vornherein gar nichts Grundlegendes lernen.

Ein Abschaffen der Sonderschule ist ein wichtiger Schritt in ein Bildungssystem, das nicht künstliche Grenzen zieht: Es gibt eben nicht DIE Menschen mit Behinderungen und es gibt eben nicht DIE Menschen ohne Behinderungen. Sondern es gibt Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten insgesamt in der Gesellschaft. Inklusion denkt nicht in Gruppen, die wir selbst in der Gesellschaft erzeugen. Inklusion betrifft uns ALLE.

Solange wir das nicht verstehen, werden wir Menschen die Möglichkeit nehmen, etwas Grundlegendes zu lernen. Und wir werden den vermeintlich so anders lernenden Menschen ohne Behinderungen die Möglichkeit nehmen, etwas zu lernen. Der Mikromann zeigt es deutlich auf: Die Leute wissen zu wenig. Die Leute denken nicht nach. Die Leute fragen nicht nach.

Nur ein grundlegend neues Bildungssystem wird dies ändern können. Das jetzige Bildungssystem zeigt uns deutlich: Ein Teil der Menschen kann in diesem System gut lernen, ein anderer Teil aber nicht.

Und wenn jetzt jemand mit den Kosten daher kommt: Ja, das kostet etwas. Aber es bringt viel –  nämlich Bildung für uns alle. Wir brauchen das dringend. Die Mikromann-Sendungen zeigen es deutlich auf. Und wir sollten daher endlich daran gehen, unser Bildungssystem grundlegend zu überdenken und zu überarbeiten.

Was ich mir also wünsche: Wir müssen über Bildung reden. Und zwar über Bildung ALLER Menschen.

Das Thema Sonderschule – Wer sind die echten ExpertInnen und wer sind die selbst ernannten ExpertInnen?

Ich lese oft im Internet einen Text. Und dann mache ich immer wieder einen Fehler: Ich lese dann leider auch die so genannten Kommentare. Ein Kommentar ist eine Antwort auf einen Text. Jemand schreibt etwas. Und dann kann man diesen Text kommentieren. Das heißt: Ich sage dann: Das und das finde ich am Text gut, das finde ich schlecht.

Heute (18. Mai 2017) habe ich einen Text von Petra Flieger zur Sonderschule gelesen.

Bei jedem Thema gibt es Menschen, die sich gut damit auskennen. So einen Menschen nennt man Expertin oder Experte. ExpertIn sein bedeutet also: Ich kenne mich mit einem Thema aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es immer zwei Gruppen von ExpertInnen:

Da gibt es erstens die so genannten ‚echten’ ExpertInnen. Sie nennen sich selber so. Damit gemeint sind: Eltern von Kindern mit Behinderungen und die LehrerInnen von Kindern mit Behinderungen.

Und dann gibt es zweitens die so genannten selbst ernannten ExpertInnen. Wenn ich jemanden so nenne, meine ich: Er/sie tut nur so. Er/sie kennt sich aber in Wahrheit nicht mit dem Thema aus. Er/sie sagt einfach nur so: Ich kenne mich aus.

Der Unterschied ist also: Die echten ExpertInnen kennen sich angeblich gut aus. Und die selbst ernannten ExpertInnen behaupten das nur. Sie kennen sich in Wahrheit aber nicht aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es da schon seit vielen Jahren einen sehr tiefen Graben. Und der Graben trennt die zwei Gruppen: Die so genannten echten ExpertInnen und die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Aber schauen wir uns die so genannten selbst ernannten ExpertInnen einmal genauer an:

Das sind sehr oft ebenso Eltern von Kindern mit Behinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen, die bei Integration Österreich dabei sind. Diese Eltern haben sehr wohl Erfahrungen zum Thema Sonderschule. Aber über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind auch sehr oft erwachsene Menschen mit Behinderungen: Sie haben direkt Erfahrung mit Sonderschulen. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind außerdem Menschen mit und ohne Behinderungen, die zum Thema Sonderschule forschen. Viele von diesen Menschen forschen schon sehr lange zum Thema Sonderschule. Das heißt: Sie denken über Sonderschulen nach. Wo gibt es Sonderschulen, wo gibt es keine mehr? Wie funktioniert das in anderen Ländern ohne Sonderschulen? Was muss sich in Österreich alles ändern? [kurze Antwort: Viel…]. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Wir haben in Österreich schon lange ein so genanntes Parallelsystem. Wir haben so genannte Regelschulen. Und wir haben Sonderschulen. Und es gibt eben recht viele Menschen, die sagen: Die Sonderschulen müssen weg. Die Sonderschulen be-hindern Menschen mit Behinderungen. Einmal in einer Sonderschule heißt meistens: Ich bekomme keine gute Bildung. Ich lerne nicht viel. Und: Ich bekomme danach keinen ordentlichen Job.

Deshalb sagen also viele Menschen: Weg mit den Sonderschulen.

Das sagt auch die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN Konvention sagt: Inklusion auch in der Schule ist das Ziel. Inklusion heißt: Alle Menschen sind verschieden. Und das ist gut so. Und wir alle leben in unserer Verschiedenheit gut miteinander zusammen. Auch Schulen müssen für alle Menschen offen sein. Alle Menschen müssen etwas lernen dürfen. Egal, wer diese Menschen sind.

Eines ist dabei klar: Sonderschulen abschaffen muss gut gemacht werden. Das heißt: LehrerInnen müssen neu ausgebildet werden. Sie müssen wissen, was Inklusion ist. Schulen müssen umgebaut werden. Sie müssen barrierefrei sein (also ohne Hindernisse sein). Und es muss Geld da sein für diese neuen Schulen. Das Geld braucht man für die Unterstützung der Kinder. Und das hilft im Übrigen allen Kindern. Ich kenne keine so genannte Regelschule, in der alle Kinder in einer Klasse gleich sind. Wir tun aber immer so. Wir sagen: In der Regelschule sind alle gleich. In der Sonderschule sind die Kinder, die nicht gleich sind.

Es gibt auf der ganzen Welt viele gute Beispiele ohne Sonderschulen. Und das sagen eben viele Menschen. Diese Menschen sagen: Schaffen wir in Österreich die Sonderschulen ab. Geben wir allen Kindern ihr Recht auf gute Bildung und später auf einen guten Job. Und wer sind diese Menschen? Das sind die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Ich kann und will das nicht mehr hören. Die echten ExpertInnen sind die, die sagen: Es wird nicht besser werden. Also lassen wir es so. Die so genannten ExpertInnen sind die, die sagen: Lasst uns die Schulen verändern. Lasst uns etwas ändern.

Ja klar, das kostet Geld. Aber wie gesagt: Es hilft allen Kindern. Unsere Regelschulen sind nicht so super, wie wir alle gerne behaupten. Überall muss sich etwas ändern. Und es muss sich viel ändern. Da reicht kein Durchwurschteln. Das muss eine grundlegende Veränderung sein.

Und ich mag eines nicht mehr lesen müssen: Wenn jemand für Veränderung ist, ist er/sie keine selbst ernannte ExpertIn. Das ist abschätzig. Damit sage ich über jemanden: Er/sie tut ja nur so. Ich mache damit jemanden schlecht. Und ich mach damit seine/ihre Ideen schlecht.

Können wir endlich gemeinsam über Schulen in Österreich nachdenken? Können wir endlich einander zuhören? Und nicht nur die jeweils anderen beschimpfen und schlecht machen? Das wäre der richtige Weg zur Veränderung. Leider sind wir davon noch sehr weit weg.

Gemeinsam bedeutet: Wir nehmen alle ernst, alle Menschen sind wichtig.

Momentan werden Kinder mit Behinderungen selbst überhaupt nicht als ExpertInnen ernst genommen. Aber sie erleben die Sonderschule täglich. Sie wissen darüber Bescheid. Es gibt nicht nur die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Es gibt auch die UN Konvention über die Rechte des Kindes.

Momentan nehmen wir beide UN Konventionen nicht wirklich ernst. Und warum? Weil viele Menschen sagen: Wir reden lieber über Menschen mit Behinderungen. Wir reden lieber über Kinder mit Behinderungen. Selber brauchen wir sie nicht reden lassen. Sie kennen sich nicht aus. Solange wir so über Kinder mit Behinderungen nachdenken, wird sich nie etwas verändern.

Inklusion ist eine große Herausforderung. Inklusion bedeutet: Ich akzeptiere jeden anderen Menschen so, wie er/sie ist. Akzeptieren heißt: Ich anerkenne jeden anderen Menschen als Menschen. Egal, wie verschieden wird sind. Das klingt eigentlich sehr einfach. Ist es aber nicht. Und warum? Weil wir viele Jahnhunderte gedacht haben: Menschen mit Behinderungen sind anders. Und weil wir das gedacht haben, haben wir sie immer ausgeschlossen. Wir haben sie nicht mitmachen lassen. Wir haben über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Wir haben sie nicht für sich selber sprechen lassen.

Und da kommt dann auf einmal die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen daher und sagt: Menschen mit Behinderungen haben Rechte. Und es muss alles dafür getan werden, dass Menschen mit Behinderungen diese Rechte auch wirklich bekommen. Viele Menschen haben das immer schon gewusst. Aber sie haben es nicht laut gesagt. Jetzt steht es aber Schwarz auf Weiß geschrieben. Und jetzt muss zum Beispiel die Sonderschule in Österreich abgeschafft werden.

Und dann sagen Menschen: Wir wollen das Schulsystem nicht verändern. Das dauert zu lange. Das kostet zu viel Geld. Das macht alle Kinder dann insgesamt dümmer. Viel wird da gesagt. Und alle, die das sagen, nennen sich selber echte ExpertInnen. Und die Menschen, die etwas verändern wollen, werden dann als selbst ernannten ExpertInnen beschimpft.

So kommen wir nicht weiter. Ja. Veränderung ist etwas Unsicheres. Eben genau, weil sich viel verändern muss: Zum Beispiel die Schule, die Ausbildung der LehrerInnen, der Umgang mit den Kindern. Und jeder Mensch versteht diese Angst vor der Veränderung. Aber: Wenn wir das Schulsystem nicht ändern, schaden wir den Kindern. Und wenn wir die Sonderschulen nicht aufgeben, schaden wir Kindern mit. Es gibt ausreichend Evidenz (das sind Beweise) dafür: Sonderschule bildet nicht gut aus. Sonderschule führt zu schlechten Jobs. Sonderschule kostet viel zusätzliche Kraft für Menschen mit Behinderungen. Viele Menschen mit Behinderungen haben es trotz der Sonderschule zu etwas gebracht. Aber das hat enorm viel Kraft gekostet. Kraft, die sie sinnvoller hätten einsetzen können.

Also: Gemeinsam haben wir viele verschiedene Formen von Wissen zum Thema Sonderschule. Es gibt viele ExpertInnen zum Thema Sonderschule. Und es ist an der Zeit, gemeinsam zusammen daran zu arbeiten. Nur dann werden die Ängste vor der Veränderung verschwinden. Und nur dann werden wir uns gegenseitig nicht mehr beschimpfen. Und erst dann wird es ausreichend Geld für die notwendigen Veränderung auf dem Weg weg von der Sonderschule geben.