Rückblick auf 10 Jahre ANED (Akademisches Netzwerk europäischer BehinderungsforscherInnen)

ANED bedeutet Akademisches Netzwerk europäischer BehinderungsforscherInnen. Das heißt: ANED ist eine große Gruppe von Menschen. Diese Menschen kommen aus ganz Europa. Und diese Menschen forschen gemeinsam zum Thema Behinderung.

Seit dem Jahr 2008 gibt es jedes Jahr mehrere Berichte (das sind lange Texte) von ANED. In diesen Berichten geht es um das Thema Behinderung. Bei ANED sind 35 Länder dabei. Und es gibt jedes Jahr für jedes Land mehrere Berichte. Und dann gibt es auch noch andere Berichte: In diesen Texten wird dann alles aus den 35 Ländern zusammengefasst. Da steht dann: So sieht es in Europa beim Thema Behinderung aus.

Alle diese Berichte haben verschiedene Themen. Zum Beispiel gibt es da Berichte zu Armut von Menschen mit Behinderungen, zu Barrieren (also Hindernissen), zu Selbstbestimmtem Leben und auch zu Arbeit und Beschäftigung.

Warum schreibt ANED diese Berichte?

Weil es viele Menschen mit Behinderungen in Europa gibt. Und weil das Leben von Menschen mit Behinderungen in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich ist. ANED schaut nach und überwacht (das nennt man Monitoring), wie es Menschen mit Behinderungen in Europa geht. Und ANED sagt dann: Hier geht es Menschen mit Behinderungen gut oder besser. Und dort geht es Menschen mit Behinderungen schlechter geht. Das nennt man Evaluierung.

ANED macht das nicht einfach so. Sondern ANED hat einen Auftrag für diese Berichte.

Dieser Auftrag kommt von der so genannten Europäischen Kommission. In der Europäischen Kommission sind viele Menschen angestellt; und diese Menschen erfüllen bestimmte Aufgaben (die Europäische Kommission ist dabei so etwas Ähnliches wie eine Regierung der Europäischen Union). Die Europäische Union besteht aus 28 (bald 27) Ländern in Europa. Für die Europäische Kommission ist das Thema Behinderung wichtig. Deshalb forscht ANED nun seit 10 Jahren zum Thema Behinderung.

ANED ist eine Gruppe von verschiedenen Menschen. Diese Menschen sind ForscherInnen. ForscherIn bedeutet: Ein Mensch denkt lange über ein Thema nach. Dieser Mensch beschäftigt sich lange mit einem Thema. Dieser Mensch liest viel zu diesem Thema. Und dann schreibt dieser Mensch einen Text (also einen Bericht).

Viele von diesen ForscherInnen bei ANED sind selbst Menschen mit Behinderungen.

Das heißt: Diese ForscherInnen wissen selbst über die vielen Barrieren (Hindernisse) Bescheid. Sie werden durch diese Hindernisse selbst be-hindert. Das ist wichtig für ANED. Diese Art von Forschung nennt man Disability Studies, auf Deutsch Behinderungsforschung.

Behinderungsforschung bedeutet: Menschen mit Behinderungen forschen selbst. Sie werden nicht bloß von anderen Menschen beforscht. Das ist wichtig. Denn nur so wird klar: Diese und jene Barrieren gibt es.

ANED macht diese Forschung nun also seit bereits 10 Jahren. Und heuer gab es dazu in Brüssel ein Treffen. Dort wurden auf diese 10 Jahre zurück geblickt:

Was hat ANED bisher erreicht?

Was hat ANED bereits erforscht?

Was muss ANED noch erforschen?

Ich bin sehr froh und stolz, dass ich schon recht lange bei ANED dabei bin. Früher habe ich nur mitgearbeitet. Und seit einiger Zeit leite ich den österreichischen Teil von ANED (ich bin die so genannte Kontaktperson für Österreich). Und ich arbeite immer noch an den Berichten mit. Da lerne ich sehr viel über Österreich. Und ich lerne auch sehr viel über andere Länder in Europa und über die Europäische Union.

Wir treffen uns jedes Jahr einmal im November in Brüssel. Dann besprechen wir die Arbeit für das nächste Jahr. Und wir besprechen das, was wir im laufenden Jahr gemacht haben.

Das Treffen heuer in Brüssel zum Rückblick auf die letzten 10 Jahre ANED war besonders aufregend: 10 Jahre. Das ist eine lange Zeit! Und wir haben viel weiter gebracht. Wir haben viele wichtige Berichte geschrieben. Wir haben geschaut, wie es Menschen mit Behinderungen in Europa geht. Und wir haben nachgedacht: Was müssen wir in der nächsten Zeit tun? Was müssen wir erforschen?

Schnell ist uns eines klar geworden: Es gibt noch viel zu erforschen! Damit sich das Leben von Menschen mit Behinderungen insgesamt in Europa verbessert. Und damit sich das Leben von Menschen mit Behinderungen in einzelnen Ländern verbessert.

Wichtig ist für unsere Arbeit in der nächsten Zeit: PolitikerInnen und BeamtInnen in Europa müssen viel öfter daran denken: Menschen mit Behinderungen werden oft ‚vergessen’.

Oft wird über so genannte ‚vulnerable Gruppen’ gesprochen – das sind Menschen, denen es nicht so gut in der Gesellschaft geht. Diese Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie werden schlecht behandelt. Oft vergisst man sogar auf sie. Menschen mit Behinderungen werden oft dazu gezählt. Und es stimmt leider: Menschen mit Behinderungen werden oft vergessen, wenn es um Politik geht. Zum Beispiel denken viele Menschen über den Arbeitsmarkt nach, weil es viele Menschen ohne Arbeit gibt. Dabei gibt es besonders viele Menschen mit Behinderungen ohne Arbeit! Aber das vergessen viele Menschen leider immer noch!

Damit Menschen mit Behinderungen nicht vergessen werden, muss es so genanntes Disability Mainstreaming geben. Disability Mainstreaming bedeutet: Behinderung (das heißt auf Englisch Disability) ist wichtig und alle müssen/sollen darüber reden. Dann denken alle zum Beispiel beim Thema Arbeit sofort daran: Es gibt viele arbeitslose Menschen. Und sehr viele Menschen mit Behinderungen sind arbeitslos. Was können genau wir dagegen tun?

Aber neben Mainstreaming ist noch etwas anderes in der Politik wichtig: Policy Targeting. Das sind englischsprachige Worte. Das bedeutet: Policy ist ein politischer Inhalt/ein bestimmtes Thema. Targeting bedeutet: Man beschäftigt sich mit bestimmten Menschen. Zum Beispiel eben mit Menschen mit Behinderungen. Man denkt über den bestimmten Bedarf von Menschen mit Behinderungen nach.

Targeting und Mainstreaming gemeinsam bedeutet: Politik muss sich mit Menschen mit Behinderungen speziell und direkt beschäftigen. Aber Politik muss zugleich in allen Bereichen immer das Thema Behinderung mitdenken. Das bedeutet wiederum: Es muss bestimmte Unterstützung ausdrücklich für Menschen mit Behinderungen geben. Und bei allen politischen Maßnahmen (zum Beispiel, wie man arbeitslosen Menschen Arbeit geben kann) für Menschen müssen Menschen mit Behinderungen auch wichtig sein.

Das ist sicher eine der wichtigsten Aufgaben für uns bei ANED für die nächste Zeit. Wir müssen klar machen: Politik darf Menschen mit Behinderungen nicht vergessen und muss Menschen mit Behinderungen immer mitdenken!Und Politik muss auf den Bedarf von Menschen mit Behinderungen Rücksicht nehmen!

Wir haben also bei ANED noch viel zu tun. Ich freue mich darauf. Das ist eine wichtige Arbeit!

Wenn Sie sich für unsere Arbeit bei ANED interessieren (was ich hoffe ;-):

(Leider nur) auf Englisch kann man ANED hier nachlesen: www.disability-europe.net

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Angebot und Nachfrage. Ghostwriting für Studierende

Ghostwriting bedeutet: Ein Mensch schreibt für einen anderen Menschen einen Text. Warum? Es gibt viele Gründe: Manche Menschen sind zu faul zum Selber-Schreiben. Und manche Menschen wissen zu wenig zum Selber-Schreiben. Also lassen sie jemanden anderen den Text schreiben. Dieser Text kann unterschiedlich lang sein. Es kann ein ganz kurzer Text sein (eine Antwort auf eine Prüfungsfrage; bei einer Prüfung wird man etwas gefragt und muss antworten) und der Text kann ganz lang sein (eine Abschlussarbeit; das ist eine Arbeit, die man schreiben muss; dann bekommt man eine Note darauf).

Wieder einmal reden viele Menschen über das Ghostwriting bei uns am Institut für Politikwissenschaft.

Politikwissenschaft bedeutet: Wir denken über das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft nach. Und wir denken über die Regeln für dieses Zusammenleben nach. Aber manchmal denken Studierende darüber nicht selber nach.

Sie lassen dann eine Arbeit einfach von jemandem anderen schreiben. Das ist verboten.

Leider nicht verboten ist aber, dass ein Mensch sagt: OK, gerne, ich schreibe dir einen Text. Du zahlst mir etwas (gar nicht so wenig!) dafür. Und ich gebe dir dafür einen Text. Auf den Text bekommst du dann eine Note. Und du musst nichts selber dafür tun!

Viele Menschen nehmen dieses Angebot leider an. Sie sind faul oder sie wissen nichts. Und sie wollen nichts lernen. Aber sie wollen gerne ein Studium (Studium bedeutet: ich lerne an einer Universität etwas; eine Universität ist eine Schule für Erwachsene) abschließen. Aber sie wollen selber nicht viel dafür tun.

Das finde ich ganz schlimm!

Aber ich finde es auch schlimm, dass andere Menschen eben Ghostwriting anbieten!

Beide Menschen – der/die es anbietet und der/die das Angebot nutzt – haben eines nicht verstanden: Studieren ist Lernen! Studieren bedeutet Nachdenken! Studieren bedeutet: Ich denke nach!

Gerade wieder reden also viele Menschen über die Politikwissenschaft an der Universität Wien. Einige Menschen fragen: Wieso tun wir als Lehrende (Lehrende bedeutet: Das sind die Menschen, die anderen Menschen etwas beibringen) nichts gegen Ghostwriting?

Was, bitte, sollen wir tun?

Ghostwriting kann ich sehr schwer nachweisen. Ich kann mit einem Studenten/einer Studentin reden. Dann merke ich: Er/Sie hat keine Ahnung von der Abschlussarbeit. Dann kann ich sagen: Ich denke, dass ist ein Text von jemandem anderen. Aber ich kann es nicht sicher sagen. Ich kann es nur vermuten (es mir also denken).

Und genau das wissen die Menschen, die das Ghostwriting anbieten. Und das wissen die Menschen, die sich ihre Texte schreiben lassen. Und deshalb passiert Ghostwriting. Weil es keine Möglichkeit für mich als Lehrende gibt, es sicher nachzuweisen.

Was für ein Bild von Studium haben alle diese Menschen? Was für ein Bild von Lernen haben diese Menschen? Ich kann das nicht verstehen.

Ich muss mich aber jedenfalls darüber ärgern.

Ich weiß: Oft schreibe ich Kommentare (das bedeutet: ich schreibe einen Text; darin steht: Was ist gut geschrieben, was ist schlecht geschrieben?) an Ghostwriter. Die interessiert das aber gar nicht. Und die Studierenden interessieren meine Kommentare auch nicht. Die haben sich den Text ja schreiben lassen. Weil sie faul sind oder nichts wissen. Und nichts lernen wollen.

Kommentare kosten viel Zeit. Aber Kommentare sind wichtig. Denn nur durch Kommentare lernt man etwas dazu. Man weiß dann: Das ist an einem Text gut. Das ist an einem Text weniger gut. Wenn ich nun einen Text von einem Ghostwriter kommentiere, weiß ich: Das ist enorme Zeitverschwendung!

Und abgesehen davon nochmals: Denken alle diese Menschen nach, was sie da tun?

Sie schaden sich selbst damit. Denn sie lernen nichts dazu.

Und sie schaden anderen. Denn andere Studierende schreiben ihre Arbeiten selbst. Und die werden benotet. Und oft ist das dann eben eine nicht so gute Note. Und ein/e andere/r StudentIn lässt es sich schreiben. Und er/sie bekommt dann eine gute Note. Das ist unfair. Und es zerstört am Ende den Arbeitsmarkt. Viele Studierende werden mit dem Studium fertig. Und sie haben sich die Arbeiten schreiben lassen. Sie haben es nie selber geschrieben.

So etwas ist unethisch. Das heißt: so etwas tut man nicht. Und so etwas ist extrem unsozial. Das heißt: Ich schade anderen Menschen damit.

Ich weiß: Wenn etwas verboten ist, tun es Menschen trotzdem. Aber ich glaube: Das Ghostwriting muss verboten werden. Es muss klar sein:

Angebot (dass jemand jemandem anderen einen Text schreibt) und Nachfrage (dass sich jemand einen Text schreiben lässt) von Ghostwriting sind nicht ok!

Dann denken die Studierenden vielleicht nach. Und dann schreiben sie vielleicht doch ihre Texte selber. Das ist wichtig! Nur so lernt man etwas!

Wir müssen reden: Über Bildung.

Immer wieder höre ich mir im Radio den so genannten Mikromann an. Da stellt ein Mann Fragen. Und verschiedene Menschen antworten auf diese Fragen. Manchmal merkt man an den Antworten: Die Leute hören nicht zu, wenn sie etwas gefragt werden. Und manchmal merkt man an den Antworten: Die Leute wissen einfach ganz viel nicht. Auch wenn es ganz einfache Fragen sind, antworten sie oft komplett falsch.

Jedes Mal denke ich dann über diese Antworten nach, wenn ich den Mikromann im Radio höre. Dann denke ich zuerst: Das ist erschreckend, dass so viele Leute so viel nicht wissen. Und oft denke ich mir danach: Na ja, es sind gar nicht so viele Leute. Es sind halt die wenigen Leute, die dem Mikromann eine Antwort geben.

Aber dann denke ich weiter. Ich denke dann über Bildung nach. Bildung bedeutet viele verschiedene Dinge. Aber Bildung bedeutet grundsätzlich: Ich erfahre und lerne etwas. Ich eigne mir also Wissen an. Ich weiß dann über Dinge Bescheid. Ich kann Dinge erklären. Ich kann Dinge einordnen. Ich verstehe, was bestimme Dinge bedeuten.

Viele Menschen haben eine allgemeine Bildung. Das heißt, sie wissen über viele Dinge zumindest ein wenig Bescheid. Manche Menschen haben eine spezielle Bildung. Das heißt, sie verstehen bestimmte Dinge besonders gut. Weil sich zum Beispiel viel darüber nachgedacht und gelesen haben. Und dann gibt es Menschen, die haben keine Bildung. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein: Manche Menschen wollen sich nicht bilden; sie denken, dass man das nicht zum Leben braucht. Manche Menschen glauben von sich, dass sie gebildet sind, sind es aber nicht. Und manche Menschen würden sich gerne bilden, aber sie können oder dürfen es nicht – zum Beispiel, weil die anderen denken, dass das jemand nicht kann. Bei vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Beispiel wird das oft behauptet: Die können sich ja nicht bilden. Bildung ist bei denen umsonst. Daher bringen wir ihnen auch nicht wirklich etwas Grundlegendes bei.

Wenn ich also die Antworten beim Mikromann höre, denke ich an die vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten, die ich kenne. Und dann denke ich mir:

Wer, bitte, teilt uns Menschen in solche Gruppen ein?

Warum gibt es DIE Menschen mit Lernschwierigkeiten, DIE Menschen mit Behinderungen, und dann die angeblich sehr große Gruppe der Menschen ohne Behinderungen?

Erstens: Das sind das keine einheitlichen Gruppen (bei denen alle Menschen gleich sind). Sondern das sind Menschen, die von uns in der Gesellschaft in bestimmte Gruppen eingeordnet werden. Diese Menschen sind aber sehr unterschiedlich.

Zweitens: Wieso glauben wir, dass alle Menschen ohne Behinderungen so ganz anders sind als alle Menschen mit Behinderungen? Wer sagt, dass alle Menschen ohne Behinderungen gleich sind? Das sind sie nicht. Menschen ohne Behinderungen sind genauso unterschiedlich wie Menschen mit Behinderungen.

Worauf ich hinaus will – was ich also meine: UNS ALLEN tut Bildung gut!!

Der Mikromann zeigt uns das nur zu deutlich: Es gibt sehr viele Menschen, die einfach viel zu wenig wissen und die falsche Antworten geben. Und die sich nicht nachfragen trauen. Beim Mikromann fällt mir immer wieder auf: Niemand fragt nach. Ist es peinlich nachzufragen? Was ist daran peinlich? Ist es nicht viel peinlicher, eine falsche Antwort zu geben?

Wenn ich bei einem Vortrag in Schwerer Sprache rede, höre ich oft die Frage aus dem Publikum: Was heißt das, was bedeutet das? Wie heißt das in Einfacher Sprache? Dieses Nachfragen ist sehr wichtig. Nur so können wir Dinge verstehen lernen und uns Wissen aneignen. Und die Menschen mit Lernschwierigkeiten, die ich kenne, tun genau das. Sie fragen nach. Und sie bilden sich dadurch.

Derzeit streiten immer noch viele Menschen über die Abschaffung der Sonderschulen. Viele Menschen behaupten: Wir brauchen Sonderschulen. Obwohl sie es besser wissen: Die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sagt klar, dass Sonderschulen weg müssen. Und allen ist klar: In Sonderschulen lernt man kaum etwas Grundlegendes.

Ich kenne viele Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und alle diese Menschen, die ich kenne, haben tatsächlich eines gemeinsam: Sie sind alle wissbegierig. Sie wollen etwas lernen, etwas wissen. Und sie fragen nach, wenn sie etwas nicht verstehen. (und falls das jetzt jemand gerne absichtlich falsch verstehen möchte: Das ist NICHT das Gute an Sonderschulen, dass man dort nichts lernt und dann umso wissbegieriger in die Welt geht; sondern das liegt an den wissbegierigen Menschen selbst!)

Wie können wir Menschen, die lernen wollen, dieses Recht einfach so wegnehmen? Nur, weil wir glauben, dass diese Menschen anders sind? Und wer sagt dass mit welchem Argument (mit welcher Begründung)?

Nach einer Mikromann-Sendung sagen Leute gerne: Na ja, das sind ein paar Menschen, die einfach ungebildet sind und nichts wissen. Das Problem dabei ist: Diese Menschen werden zu den Menschen ohne Behinderungen gezählt. Bei denen ist es ok, (manchmal) nichts zu wissen. Menschen mit Behinderungen (vor allem jenen mit Lernschwierigkeiten) wird dieses Recht nicht gegeben – wir lassen sie einfach von vornherein gar nichts Grundlegendes lernen.

Ein Abschaffen der Sonderschule ist ein wichtiger Schritt in ein Bildungssystem, das nicht künstliche Grenzen zieht: Es gibt eben nicht DIE Menschen mit Behinderungen und es gibt eben nicht DIE Menschen ohne Behinderungen. Sondern es gibt Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten insgesamt in der Gesellschaft. Inklusion denkt nicht in Gruppen, die wir selbst in der Gesellschaft erzeugen. Inklusion betrifft uns ALLE.

Solange wir das nicht verstehen, werden wir Menschen die Möglichkeit nehmen, etwas Grundlegendes zu lernen. Und wir werden den vermeintlich so anders lernenden Menschen ohne Behinderungen die Möglichkeit nehmen, etwas zu lernen. Der Mikromann zeigt es deutlich auf: Die Leute wissen zu wenig. Die Leute denken nicht nach. Die Leute fragen nicht nach.

Nur ein grundlegend neues Bildungssystem wird dies ändern können. Das jetzige Bildungssystem zeigt uns deutlich: Ein Teil der Menschen kann in diesem System gut lernen, ein anderer Teil aber nicht.

Und wenn jetzt jemand mit den Kosten daher kommt: Ja, das kostet etwas. Aber es bringt viel –  nämlich Bildung für uns alle. Wir brauchen das dringend. Die Mikromann-Sendungen zeigen es deutlich auf. Und wir sollten daher endlich daran gehen, unser Bildungssystem grundlegend zu überdenken und zu überarbeiten.

Was ich mir also wünsche: Wir müssen über Bildung reden. Und zwar über Bildung ALLER Menschen.

Das Thema Sonderschule – Wer sind die echten ExpertInnen und wer sind die selbst ernannten ExpertInnen?

Ich lese oft im Internet einen Text. Und dann mache ich immer wieder einen Fehler: Ich lese dann leider auch die so genannten Kommentare. Ein Kommentar ist eine Antwort auf einen Text. Jemand schreibt etwas. Und dann kann man diesen Text kommentieren. Das heißt: Ich sage dann: Das und das finde ich am Text gut, das finde ich schlecht.

Heute (18. Mai 2017) habe ich einen Text von Petra Flieger zur Sonderschule gelesen.

Bei jedem Thema gibt es Menschen, die sich gut damit auskennen. So einen Menschen nennt man Expertin oder Experte. ExpertIn sein bedeutet also: Ich kenne mich mit einem Thema aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es immer zwei Gruppen von ExpertInnen:

Da gibt es erstens die so genannten ‚echten’ ExpertInnen. Sie nennen sich selber so. Damit gemeint sind: Eltern von Kindern mit Behinderungen und die LehrerInnen von Kindern mit Behinderungen.

Und dann gibt es zweitens die so genannten selbst ernannten ExpertInnen. Wenn ich jemanden so nenne, meine ich: Er/sie tut nur so. Er/sie kennt sich aber in Wahrheit nicht mit dem Thema aus. Er/sie sagt einfach nur so: Ich kenne mich aus.

Der Unterschied ist also: Die echten ExpertInnen kennen sich angeblich gut aus. Und die selbst ernannten ExpertInnen behaupten das nur. Sie kennen sich in Wahrheit aber nicht aus.

Beim Thema Sonderschule gibt es da schon seit vielen Jahren einen sehr tiefen Graben. Und der Graben trennt die zwei Gruppen: Die so genannten echten ExpertInnen und die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Aber schauen wir uns die so genannten selbst ernannten ExpertInnen einmal genauer an:

Das sind sehr oft ebenso Eltern von Kindern mit Behinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen, die bei Integration Österreich dabei sind. Diese Eltern haben sehr wohl Erfahrungen zum Thema Sonderschule. Aber über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind auch sehr oft erwachsene Menschen mit Behinderungen: Sie haben direkt Erfahrung mit Sonderschulen. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Und das sind außerdem Menschen mit und ohne Behinderungen, die zum Thema Sonderschule forschen. Viele von diesen Menschen forschen schon sehr lange zum Thema Sonderschule. Das heißt: Sie denken über Sonderschulen nach. Wo gibt es Sonderschulen, wo gibt es keine mehr? Wie funktioniert das in anderen Ländern ohne Sonderschulen? Was muss sich in Österreich alles ändern? [kurze Antwort: Viel…]. Aber auch über diese Menschen sagt man oft: Die kennen sich ja nicht wirklich aus. Die haben keine Ahnung vom Schulsystem in Österreich.

Wir haben in Österreich schon lange ein so genanntes Parallelsystem. Wir haben so genannte Regelschulen. Und wir haben Sonderschulen. Und es gibt eben recht viele Menschen, die sagen: Die Sonderschulen müssen weg. Die Sonderschulen be-hindern Menschen mit Behinderungen. Einmal in einer Sonderschule heißt meistens: Ich bekomme keine gute Bildung. Ich lerne nicht viel. Und: Ich bekomme danach keinen ordentlichen Job.

Deshalb sagen also viele Menschen: Weg mit den Sonderschulen.

Das sagt auch die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die UN Konvention sagt: Inklusion auch in der Schule ist das Ziel. Inklusion heißt: Alle Menschen sind verschieden. Und das ist gut so. Und wir alle leben in unserer Verschiedenheit gut miteinander zusammen. Auch Schulen müssen für alle Menschen offen sein. Alle Menschen müssen etwas lernen dürfen. Egal, wer diese Menschen sind.

Eines ist dabei klar: Sonderschulen abschaffen muss gut gemacht werden. Das heißt: LehrerInnen müssen neu ausgebildet werden. Sie müssen wissen, was Inklusion ist. Schulen müssen umgebaut werden. Sie müssen barrierefrei sein (also ohne Hindernisse sein). Und es muss Geld da sein für diese neuen Schulen. Das Geld braucht man für die Unterstützung der Kinder. Und das hilft im Übrigen allen Kindern. Ich kenne keine so genannte Regelschule, in der alle Kinder in einer Klasse gleich sind. Wir tun aber immer so. Wir sagen: In der Regelschule sind alle gleich. In der Sonderschule sind die Kinder, die nicht gleich sind.

Es gibt auf der ganzen Welt viele gute Beispiele ohne Sonderschulen. Und das sagen eben viele Menschen. Diese Menschen sagen: Schaffen wir in Österreich die Sonderschulen ab. Geben wir allen Kindern ihr Recht auf gute Bildung und später auf einen guten Job. Und wer sind diese Menschen? Das sind die so genannten selbst ernannten ExpertInnen.

Ich kann und will das nicht mehr hören. Die echten ExpertInnen sind die, die sagen: Es wird nicht besser werden. Also lassen wir es so. Die so genannten ExpertInnen sind die, die sagen: Lasst uns die Schulen verändern. Lasst uns etwas ändern.

Ja klar, das kostet Geld. Aber wie gesagt: Es hilft allen Kindern. Unsere Regelschulen sind nicht so super, wie wir alle gerne behaupten. Überall muss sich etwas ändern. Und es muss sich viel ändern. Da reicht kein Durchwurschteln. Das muss eine grundlegende Veränderung sein.

Und ich mag eines nicht mehr lesen müssen: Wenn jemand für Veränderung ist, ist er/sie keine selbst ernannte ExpertIn. Das ist abschätzig. Damit sage ich über jemanden: Er/sie tut ja nur so. Ich mache damit jemanden schlecht. Und ich mach damit seine/ihre Ideen schlecht.

Können wir endlich gemeinsam über Schulen in Österreich nachdenken? Können wir endlich einander zuhören? Und nicht nur die jeweils anderen beschimpfen und schlecht machen? Das wäre der richtige Weg zur Veränderung. Leider sind wir davon noch sehr weit weg.

Gemeinsam bedeutet: Wir nehmen alle ernst, alle Menschen sind wichtig.

Momentan werden Kinder mit Behinderungen selbst überhaupt nicht als ExpertInnen ernst genommen. Aber sie erleben die Sonderschule täglich. Sie wissen darüber Bescheid. Es gibt nicht nur die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Es gibt auch die UN Konvention über die Rechte des Kindes.

Momentan nehmen wir beide UN Konventionen nicht wirklich ernst. Und warum? Weil viele Menschen sagen: Wir reden lieber über Menschen mit Behinderungen. Wir reden lieber über Kinder mit Behinderungen. Selber brauchen wir sie nicht reden lassen. Sie kennen sich nicht aus. Solange wir so über Kinder mit Behinderungen nachdenken, wird sich nie etwas verändern.

Inklusion ist eine große Herausforderung. Inklusion bedeutet: Ich akzeptiere jeden anderen Menschen so, wie er/sie ist. Akzeptieren heißt: Ich anerkenne jeden anderen Menschen als Menschen. Egal, wie verschieden wird sind. Das klingt eigentlich sehr einfach. Ist es aber nicht. Und warum? Weil wir viele Jahnhunderte gedacht haben: Menschen mit Behinderungen sind anders. Und weil wir das gedacht haben, haben wir sie immer ausgeschlossen. Wir haben sie nicht mitmachen lassen. Wir haben über Menschen mit Behinderungen gesprochen. Wir haben sie nicht für sich selber sprechen lassen.

Und da kommt dann auf einmal die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen daher und sagt: Menschen mit Behinderungen haben Rechte. Und es muss alles dafür getan werden, dass Menschen mit Behinderungen diese Rechte auch wirklich bekommen. Viele Menschen haben das immer schon gewusst. Aber sie haben es nicht laut gesagt. Jetzt steht es aber Schwarz auf Weiß geschrieben. Und jetzt muss zum Beispiel die Sonderschule in Österreich abgeschafft werden.

Und dann sagen Menschen: Wir wollen das Schulsystem nicht verändern. Das dauert zu lange. Das kostet zu viel Geld. Das macht alle Kinder dann insgesamt dümmer. Viel wird da gesagt. Und alle, die das sagen, nennen sich selber echte ExpertInnen. Und die Menschen, die etwas verändern wollen, werden dann als selbst ernannten ExpertInnen beschimpft.

So kommen wir nicht weiter. Ja. Veränderung ist etwas Unsicheres. Eben genau, weil sich viel verändern muss: Zum Beispiel die Schule, die Ausbildung der LehrerInnen, der Umgang mit den Kindern. Und jeder Mensch versteht diese Angst vor der Veränderung. Aber: Wenn wir das Schulsystem nicht ändern, schaden wir den Kindern. Und wenn wir die Sonderschulen nicht aufgeben, schaden wir Kindern mit. Es gibt ausreichend Evidenz (das sind Beweise) dafür: Sonderschule bildet nicht gut aus. Sonderschule führt zu schlechten Jobs. Sonderschule kostet viel zusätzliche Kraft für Menschen mit Behinderungen. Viele Menschen mit Behinderungen haben es trotz der Sonderschule zu etwas gebracht. Aber das hat enorm viel Kraft gekostet. Kraft, die sie sinnvoller hätten einsetzen können.

Also: Gemeinsam haben wir viele verschiedene Formen von Wissen zum Thema Sonderschule. Es gibt viele ExpertInnen zum Thema Sonderschule. Und es ist an der Zeit, gemeinsam zusammen daran zu arbeiten. Nur dann werden die Ängste vor der Veränderung verschwinden. Und nur dann werden wir uns gegenseitig nicht mehr beschimpfen. Und erst dann wird es ausreichend Geld für die notwendigen Veränderung auf dem Weg weg von der Sonderschule geben.

Können, aber nicht dürfen

Ich habe heute eine Parte bekommen. Das ist eine Information über den Tod eines Menschen. Dieser Mensch war ein Student von mir. Und ich habe ihn recht gut gekannt. Wir haben oft nach meiner Lehrveranstaltung noch geplaudert. Über sein Leben und über mein Leben. Über seine Hoffnungen. Über seine Wünsche. Was gut läuft, was schlecht läuft.

Dieser Mensch ist nun plötzlich gestorben. Das erschüttert mich aus verschiedenen Gründen sehr. Und daher schreibe ich jetzt etwas über ihn und sein Leben – wie er es mir immer wieder erzählt hat.

Ich nenne seinen Namen nicht, da ich nicht weiß, ob ihm das in so einem Blogeintrag recht gewesen wäre. Das lesen ja doch viele andere Menschen. Ich will ihn nicht vorführen. Aber ich will eines deutlich machen: Das Ganze ist doppelt traurig. Erstens, weil er gestorben ist und nun nicht mehr da ist. Und zweitens, weil er in einer Gesellschaft leben musste, die ihn ausgegrenzt hat. Denn dieser Mensch, der jetzt gestorben ist, war ein Mensch mit Behinderungen.

Warum ich das erwähne? Weil er ein lebendes Beispiel dafür war, wie extrem schwer man es als Mensch mit Behinderungen in Österreich hat. Das gilt für das Studieren. Und das gilt für das Arbeiten.

Dieser Mensch, der nun gestorben ist, hatte zwei Magister-Abschlüsse an der Universität. Das heißt: Er hat an der Universität viel gelernt. Und dann hat er zwei Studien mit einem so genannten Mag.-Titel abgeschlossen. Das heißt wiederum: Er war gut in diesen beiden Studien. Er konnte viel. Und er hat es geschafft, als Mensch mit Behinderungen bis an die Universität zu kommen. Das gelingt nicht vielen Menschen. Und zwar nicht, weil sie das nicht können. Sondern weil wir immer noch ein Schulsystem haben, das Menschen mit Behinderungen ausgrenzt. Aus einer Sonderschule an eine Universität zu kommen, das ist ein schwerer bis unmöglicher Weg. Viele Barrieren (Hindernisse) liegen einem da im Weg. Aber er hat diese Hindernisse überwunden und sogar zwei Studien abgeschlossen.

Einige Male hat er mir erzählt, dass er aber nicht solche Studienabschlüsse sammeln will. Das war eher aus der Not heraus. Denn eigentlich wollte er arbeiten. In den Bereichen, in denen er Studien abgeschlossen hat. Aber er hat keinen passenden Job gefunden. Aber das lag nicht an seinem Können und Wissen. Er hat viel gewusst. Es lag daran: Man wollte ihm keinen Job geben.

Und zwar warum? Er hat mir das oft erzählt: Entweder befand man ihn als überqualifiziert (das heißt: er hat zu viel gewusst, nicht zu wenig; er konnte zu viel, nicht zu wenig). Oder aber er galt als zu behindert. Er konnte es niemandem recht machen.

Er wollte als Mensch in der Arbeitswelt ernst genommen zu werden. Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Weil wir immer noch als Gesellschaft Menschen aufgrund einer Behinderung ausgrenzen. Statt dass wir endlich merken: Wir  bauen die Hindernisse auf. Wir nehmen Menschen Chancen. Wir nehmen ihnen Möglichkeiten zu lernen und zu arbeiten. Wir behindern.

Können, aber nicht dürfen. Das fasst es für mich zusammen. Und das finde ich extrem traurig und tragisch. Er konnte viel, aber er durfte nicht arbeiten.

Der Student, der jetzt gestorben ist, zeigt uns: Wir sind als Gesellschaft noch weit weg davon, Menschen mit Behinderungen einen Platz in der Gesellschaft zu geben, der nicht am Rand ist. Sondern in der Mitte.

Zum Glück habe ich diesem Studenten oft gesagt, dass ich es absolut bewundere, was er macht. Und das ich nachvollziehen kann, was er da erleben muss. Sonst müsste ich jetzt in einer Ecke über mich selber heulen. So aber kann ich mich seinem Andenken widmen.

Wir müssen etwas tun, damit sich etwas ändert. Und dieses ‚Etwas‘ ist viel: Inklusion bedeutet Anerkennung von Vielfalt. Inklusion bedeutet: Menschen haben Chancen und Möglichkeiten. Und sie werden ihnen nicht genommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Um eine wichtige Erfahrung reicher

Ich war jetzt knapp zwei Jahre lang so genannte Stellvertretende Studienprogrammleiterin. Und zwar am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Politikwissenschaft ist das Nachdenken über unser Zusammenleben und unsere Regeln in der Gesellschaft.

Studienprogrammleitungen bestehen meistens aus zwei bis drei Menschen. Diese Menschen planen die Lehrveranstaltungen an einem Institut. Also: Wer soll im kommenden Jahr was unterrichten? Was soll den Studierenden von wem beigebracht werden? Und diese Menschen entscheiden wichtige Fragen: Was dürfen Studierende tun, was dürfen sie nicht tun? Was dürfen Lehrende tun, was dürfen sie nicht tun?

Ich war jetzt fast zwei Jahre die Stellvertreterin der Studienprogrammleiterin. Das bedeutet: Ich habe viele Anfragen (in emails und in der Sprechstunde) von Studierenden und auch von Lehrenden bekommen.

Im Oktober 2016 gibt es nun ein neues Team der Studienprogrammleitung Politikwissenschaft. Das ist also jetzt ein guter Zeitpunkt zum Nachdenken, wie das die letzten zwei Jahre so war.

Zusammengefasst: Es war eine wichtige Erfahrung. Und das meine ich im Guten und im Schlechten.

Ich unterrichte sehr gerne an der Universität Wien. Das Unterrichten nennt man Lehre. Lehre bedeutet: Mit den Studierenden viel reden und diskutieren. Und es bedeutet: Viel lernen. Denn wir können alle voneinander sehr viel lernen. Das ist etwas sehr Schönes und Wichtiges.

Als Stellvertretende Studienprogrammleiterin habe ich eine andere Seite des Miteinanders von Lehrenden und Studierenden kennen gelernt. Das ist sehr wichtig. Aber es war zum Teil auch ganz schön schmerzhaft. Ich sage es gleich jetzt: Ich verstehe das alles. Ich kann das alles gut nachvollziehen. Aber in emails und Gesprächen wurde ich zum Teil ganz schön heftig angegriffen. Und das musste ich erst verkraften lernen. Wie gesagt: Wenn Studierende sich nicht gut behandelt fühlen, ist klar, dass sie in Angriffshaltung gehen. Es geht immerhin um das Studium dieser Studierenden, es geht um die Kosten des Studiums (wegen der Dauer) und es geht ganz wesentlich um die Zukunft der Studierenden. Daher kann ich das alles wirklich gut verstehen. Aber zugleich denke ich mir: Es wäre manchmal schön gewesen, wir hätten einfach geredet und es wäre nicht gleich ein Angriff gekommen.

Uneinigkeit zwischen Lehrenden und Studierenden gibt es manchmal. Das kannte ich auch von früher und kenne es aus den Lehrveranstaltungen (so nennt man die Unterrichtsstunden).

Aber das bei der Studienprogrammleitung war dann teilweise schon eine andere Sache. Auch wenn das wohl eben alles aus schlechten Erfahrungen oder auch aus Ängsten heraus passiert ist: Ich möchte schon auch gerne so behandelt werden, wie man es umgekehrt  von mir ebenso erwartet. Das ist aber einige Male nicht passiert.

Auf alle Fälle waren es zum Glück nicht allzu viele schlechte Erfahrungen und Erlebnisse. Und ich hoffe, ich konnte die Studierenden unterstützen – sofern es Bereiche waren, für die ich zuständig war. Ich habe das eben trotz der negativen Erfahrungen sehr gerne gemacht.

Aber worauf ich mich ab Oktober wieder uneingeschränkt freue: Nur mehr die Lehrende zu sein, nicht das Feindbild (und so habe ich das einige Male sehr stark empfunden). Und dann wieder das Positive im Miteinander mit Studierenden erleben zu können. Leider erinnert man sich oft viel eher an Unangenehmes als an Angenehmes. Das wird sich nun wieder ändern, wenn ich nicht mehr Stellvertretende Studienprogrammleiterin bin. Und darauf freue ich mich sehr!

 

Reform, die

Im Wörterbuch Duden steht beim Begriff Reform folgender Text:

„planmäßige Neuordnung, Umgestaltung, Verbesserung des Bestehenden (ohne Bruch mit den wesentlichen geistigen und kulturellen Grundlagen)“

Da kommen vor allem zwei wichtige Begriffe vor: planmäßig und Verbesserung.

Jemand setzt etwas mit einem Plan und nach einem Plan um. Jemand hat also ein Plan. Das bedeutet: Jemand weiß, was er/sie tut, jemand hat darüber nachgedacht, was er/sie tut.

Und Verbesserung bedeutet: Jemand weiß, dass die derzeitige Situation – also so, wie es gerade jetzt ist – nicht der bestmögliche Zustand ist. Jemand möchte daher also etwas ändern. Und zwar zum Besseren.

Aber das ist leichter gesagt als getan.

Denn dazu braucht es viel Nachdenken. Viele Fragen drängen sich auf:

Wie sieht es derzeit aus? Warum ist die derzeitige Situation nicht so gut wie sie sein könnte? Was muss getan werden, um die Situation zu verbessern? Was muss also verändert werden?

Erst, wenn jemand darüber ausführlich nachgedacht hat, kann ein Plan umgesetzt werden. Und erst dann kann es zu einer echten Verbesserung kommen.

Bei der aktuellen Diskussion um die Bildungsreform in Österreich muss man sich fragen: Wer hat da nachgedacht? Hat man gemeinsam nachgedacht? Und worüber hat man da nachgedacht?

In den Tagen vor dem Bekanntgeben der Bildungsreform entstand vor allem ein Eindruck:

Es ging mehr um Streitereien um Zuständigkeiten zwischen den Bundesländern (als Einzelteile Österreichs) und dem Bund (dem großen Ganzen sozusagen; das, was Österreich insgesamt betrifft). Wer bestimmt, wie die Schulen in welchem Bundesland wie ausschauen? Und wer zahlt was? Darum ging es vor allem, hatte es den Anschein.

Und es hatte zugleich den Anschein, dass es weniger um eine wesentliche Frage ging:

Was ist Bildung, was macht Bildung aus? Wie soll Bildung vermittelt werden? Wie soll also unterrichtet und gelernt werden? Wie sieht das Bildungssystem in Österreich derzeit aus? Was funktioniert gut, was funktioniert nicht gut?

Das sind die wichtigen Fragen bei einer Bildungsreform. Aber das schien zumindest in den Tagen vor der Bekanntgabe der Bildungsreform weniger wichtig zu sein. Und das verhieß nichts Gutes.

Ein Punkt der Streitereien der letzten Tage und Wochen waren so genannte Modellregionen zur Erprobung der gemeinsamen Schule für 6- bis 14-jährige Schülerinnen und Schüler. In einer Modellregion probiert man etwas Neues aus. Diese Region kann dann ein Modell sein für andere Regionen, andere Bundesländer und dann für ganz Österreich. Der Umbau des Bildungsangebots in so einer Modellregion ist nicht so einfach. Da muss viel verändert werden an dem, was es derzeit gibt. Und so ein Umbau kostet Geld. Nun steht aber in dem Papier zur Bildungsreform (laut Standard unter http://derstandard.at/2000025867433/Bund-und-Laender-einigten-sich-ueber-Bildungsreform, 17.11.2015 nachzulesen): „Für den Bund entstehen keine Mehrkosten. Der Bund wird die Modellregionen nicht zusätzlich finanzieren.“

Das heißt: Das müssen die zahlen, die so eine Modellregion wollen. Wenn sie keine Modellregion bezahlen wollen, wird es auch keine Modellregion geben. Österreich als Ganzes wird jedenfalls so eine Modellregion nicht bezahlen.

In der Zeitung Standard wurde heute von der Pressekonferenz berichtet (https://derstandard.at/jetzt/livebericht/2000025873224/regierung-praesentiert-eckpunkte-der-bildungsreform; 17.11.2015). Bundeskanzler Faymann wurde zitiert: „Die Zukunft der Schule wird auf einen gemeinsamen Weg gebracht“.

Wie genau kann aber der gemeinsame Weg von einer Modellregion aussehen – angewendet dann nicht mehr nur in der Region, sondern in einem ganzen Bundesland oder gar in ganz Österreich?

Nach einem gemeinsamen Weg klingt das nicht unbedingt, dass die Modellregionen nicht vom Bund finanziert werden sollen. Und viel dringender ist dabei: Was in einer Modellregion funktioniert, muss nicht überall funktionieren. Und das gilt auch umgekehrt, sollte es nicht so gut funktionieren. Was lernen wir also dann aus den Modellregionen für ganz Österreich? Und wie wird das dann übertragbar sein auf andere Regionen in Österreich?

Die Idee des Ausprobierens in einer bestimmten Region ist an sich eine recht gute Idee. Nur bleibt noch unklar: Wie soll das dann übertragbar werden? Und wer soll was zahlen? Was ist, wenn herauskommt, dass so eine Modellregion zumindest am Anfang teurer ist (was wegen des Umbaus des Bildungsangebots anzunehmen ist)? Oder wenn die Verbesserungen nicht gleich die sind, die erwartet werden? Wird dann noch irgendeine andere Region auch eine Modellregion sein wollen? Das ist zu bezweifeln.

Ein Plan bedeutet: Vorausschauen. Überlegen, was sich wie verändern könnte. Ein Plan bedeutet: Kosten und Nutzen einer Modellregion abschätzen. Und ein Plan bedeutet: Überlegen, ob jemand wirklich etwas nachhaltig verändern und verbessern will.

Reform, die. Das ist ein schwieriges Wort. Und es ist noch schwieriger, es zu leben und danach zu handeln. Ganz habe ich nicht den Eindruck, dass die Bildungsreform in Österreich dem Wort Reform gerecht wird. Aber ich lasse mich in ein paar Jahren gerne eines Besseren belehren.